Das ist Rock'n'Roll: Pastellfarbene Straßenkreuzer mit Haifischflossen und Weißwandreifen. Auf dem Rücksitz, Händchen haltend, Jungs mit Elvis-Tolle und Mädels in Ringelsöckchen und Petticoats. Heimliche Luckies räuchern die Luft, und er rätselt, wie weit die Finger noch wandern können, bis sie ihm eine knallt, während auf der Leinwand James Dean auf die Klippe zurast.

Die späten fünfziger und die frühen sechziger Jahre waren die hohe Zeit der Autokinos in ihrem Mutterland, den ländlichen USA. Die Menschen wurden mobil, mit ihren Chevies und Caddies, den Buicks, Plymouths und Desotos, ihren Sedans, Station Wagons und Pickup Trucks. Der Baby Boom war auf dem Höhepunkt. Für die jungen Familien waren Autokinos ein beliebtes Wochenend-Ziel: Dort gab es Spielplätze und billige Imbissbuden, die Eintrittspreise waren erschwinglich.

Die anwachsende Schar frisch mit Führerschein ausgestatteter Teenager bevorzugt die abendlichen Vorstellungen. Wo sonst als in der Lovers’ Lane, der letzten, dunkelsten Reihe des Autokinos, könnten sie so ungestört erste Erfahrungen sammeln?

Das erste Autokino der Welt eröffnet schon am 6. Juni 1933 in Camden, New Jersey. Der Gründer war Richard Milton Hollingshead Junior, Besitzer einer Firma für Autopflegemittel. Er schaute schon seit ein paar Jahren am liebsten Filme in der heimischen Garageneinfahrt, im Auto sitzend, den Projektor auf dem Wagendach – nun ja, das mag Legende sein.

Autokinos in den USA © Paul J.Richards/AFP/Getty Images

Sicher ist: Die Idee liegt in der Luft. Das Ford Modell T, genannt Tin Lizzie (Blechliese), verkauft sich zwischen 1908 und 1927 rund 15 Millionen mal. Zugleich erobern Kinos, bis dahin nicht mehr als mobile Leinwände in Jahrmarktszelte, als feste Lichtspielhäuser die Städte. Die Provinz bleibt lange unbespielt. Bis die Autokinos kommen, mit geweißten Mauern statt Leinwänden und riesigen Lautsprechern, die den Platz davor und die halbe Gegend beschallen.

Bis in die vierziger Jahre gibt es in den USA rund 100 Autokinos, dann breiten sie sich explosionsartig aus, bis mehrere tausend der Riesenparkplätze mit Großleinwand und Filmprojektor die Vorstädte durchsetzen und manches gewöhnliche Kino schließen muss. Auf die Alte Welt springt der Funke erst spät über. Am 31. März 1960 eröffnet das erste deutsche Autokino. Es ist wohl das erste Europas – oder eines der ersten: Manchen Quellen zufolge sind Rom und Madrid schneller. Aber spätestens dann kommt die drittwichtigste Metropole des Kontinents: Gravenbruch.

Hermann Passage importiert die Idee. Das geeignete Grundstück findet er am Forsthaus von Gravenbruch bei Frankfurt am Main, heute ein Stadtteil von Neu-Isenburg. Zur Eröffnung bezirzt Yul Brynner auf der 36 Meter breiten und 15 Meter hohen Leinwand vor 1200 Stellplätzen Deborah Kerr: Es läuft Der König und ich. Der Eintritt kostet 2,75 Mark (heute sind es sechs Euro).