In Kristiansund, einer Kleinstadt an der Küste Norwegens, interessieren sich die Leute normalerweise kaum für Autos – und schon gar nicht für Sportwagen. Neben dem kleinen Flugfeld, von dem die Arbeiter Tag für Tag mit Hubschraubern auf die Bohrinseln im Atlantik zur Arbeit fliegen, stehen Toyota Camry, Opel Astra oder 3er BMW. Einen Mercedes SLS hat hier noch nie jemand in Natura gesehen.

Schon gar nicht in Neongelb. Der grelle Wagen passt hier ungefähr genauso gut hin wie eine Elefantenherde in einen norwegischen Fjord, und vermutlich sind bis dato genau so viele SLS hier unterwegs gewesen. Norwegen sieht sich als Ökostaat, versorgt sich zu 98 Prozent mit Strom aus Wasserkraft. Schon deshalb sorgt der grellgelbe Mercedes SLS bei den Kristiansundern für Aufsehen – denn er ist elektrisch betrieben.

Der Elektro-SLS gibt bei geringer Geschwindigkeit kaum mehr als ein Surren von sich. Doch man darf sich davon nicht täuschen lassen: Bei Vollgas presst der Wagen den Fahrer in den wenig stimmig kolorierten Sportsitz. Unglaublich, wie der E-Cell loslegt. Vier Elektromotoren, die nahe den einzelnen Rädern angebracht sind, verleihen dem SLS Flügel. Allerdings kann der Prototyp aus Stuttgart sein mächtiges Eigengewicht von mehr als zwei Tonnen nicht überspielen, etwa in Kurven. Schließlich bringt der E-Cell gut 300 Kilogramm mehr als der Benziner auf die Waage.

Allein die Lithium-Ionen-Akkus wiegen 450 Kilogramm und sind im Mitteltunnel, im Vorderwagen und hinter den Sitzen untergebracht. Sie werden von Kokam, einem Batteriespezialisten aus Korea, zugeliefert. Der elektrische Allradantrieb und der niedrige Schwerpunkt steigern die Fahrfreude immens. "Im Vergleich zum normalen SLS ist der Schwerpunkt des E-Cell nochmals 23 Millimeter tiefer", sagt Jan Feustel, beim Mercedes-Entwickler AMG für den elektrischen SLS zuständig. ABS, ESP und weitere Regelsysteme sind an Bord und funktionieren ebenso prächtig wie die neue konzipierte Vorderachse mit extra starken Dämpfern.

Die Vorgaben des benzinbetriebenen SLS sind mit 571 PS und einem Höchsttempo von 317 km/h hoch. Die vier Elektromodule des E-Cell leisten 392 kW/533 PS und die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 250 km/h. "Das erwarten die Kunden von AMG. Wir sind eine Performance-Marke. Daher soll der SLS E-Cell auch so schnell wie unsere anderen Modelle sein", sagt Kai Marten aus dem AMG-Vorstand. Wie sehr das die avisierten 200 Kilometer Mindestreichweite angreift, muss sich nach Hochgeschwindigkeitsfahrten auf deutschen Autobahnen zeigen. Hier auf der norwegischen Atlantikstraße kann der SLS E-Cell jedenfalls begeistern.