Ein Auto wie ein Raumschiff

Wie ein Ufo taucht der orangefarbene Keil am Horizont auf. Seine schwarze Unterseite verschwimmt mit der Straße, als habe er gar keine Räder. Erst wenn der Mercedes C111 mit Donnergrollen an einem vorbeizieht, sieht man, dass es sich um ein Auto handelt und nicht um einen Landgleiter aus Krieg der Sterne.

Der flache Renner legt sich in die Steilkurve der Hochgeschwindigkeitsstrecke in Papenburg. Der beste Platz ist jetzt natürlich hinter dem Steuer: Man wird in der Steilkurve mit voller Wucht in den Schalensitz gepresst, die Hände umklammern das Lenkrad mit dem schicken Holzkranz, bis die Knöchel weiß werden. Dabei könnten sie es bei vollem Tempo getrost loslassen – in der um fast 50 Grad geneigten Kurve bleibt der C111 ganz von selbst in der Spur.

Nach mehr als 30 Jahren hat Mercedes sein Experimentalfahrzeug wieder aus der Garage geholt. Behutsam gleitet man beim Einsteigen über die breite Schwelle des Flügeltürers, rutscht hinter das filigrane Steuerrad und schnallt den Vierpunktgurt um. Ein Gewirr aus Knöpfen und Instrumenten schafft einen Hauch Kampfjet-Atmosphäre. Gert Straub von der Mercedes-Klassikabteilung gibt Startanweisungen: Erst die Zündung aktivieren, dann eine der beiden Treibstoffpumpen anwerfen, danach den Startknopf drücken und dabei leicht Gas geben.

Ruckelnd und rülpsend erwacht der Mittelmotor hinter den Sitzen zum Leben. Aber nicht etwa ein V8 oder Zwölfzylinder ist da vor der Hinterachse platziert, sondern ein Dreiliter-Diesel mit fünf Zylindern, Vorkammereinspritzung, Garrett-Abgasturbolader und Ladeluftkühlung. 190 PS und 363 Newtonmeter Drehmoment stehen auf dem Datenblatt – mehr als genug, um den kaum 1,3 Tonnen schweren C111 mühelos auf 250 km/h zu beschleunigen.

Dass Mercedes die zweite Version des Supersportwagens, der bei seinem ersten Auftritt auf der IAA 1969 noch einen Dreischeiben-Wankelmotor mit 280 PS enthielt, mit einem Dieselaggregat bestückt hat, liegt vor allem am Öl. Genauer gesagt an der Ölkrise: 1973 drehen die Opec-Länder den Hahn zu, der Sprit wird teuer und die Autoindustrie muss reagieren. Verbrauchssenkung heißt das Zauberwort. Dazu ist der durstige Wankelmotor nicht zu gebrauchen, obwohl er fantastische Leistungen vollbringt.

 

Noch mit einem Vierscheiben-Wankel entwickelt der C111 zunächst 350 PS, erreicht 300 km/h und schafft den Spurt von 0 auf 100 in 4,8 Sekunden. Der konstruktionsbedingt schlechte Wirkungsgrad des Kreiskolbenmotors lässt sich aber nicht recht verbessern. So erlebt der Dieselmotor eine ungeahnte Hochphase. 1976 ersetzen die Mercedes-Ingenieure den Wankelmotor im C111 durch den Dreiliter-Selbstzünder samt Turboaufladung – auch um zu beweisen, dass ein Diesel nicht nur für Taxis taugt.

Im Juni 1976 muss sich der C111-II mit seiner glasfaserverstärkten Kunststoff-Karosse auf dem Hochgeschwindigkeitskurs im süditalienischen Nardo beweisen. 16 Rekorde holt der Wagen, davon 13 für Dieselfahrzeuge. Unter anderem unternimmt der C111 eine Dauerjagd über 10.000 Meilen mit einem Durchschnittstempo von 252 km/h. Weitere Rekordfahrten schafft Mercedes 1978 und 1979 mit dem C111-III und dem 500 PS starken C111-IV. Viel haben diese beiden Flitzer mit ihrer silbern lackierten Stromlinienform allerdings nicht mehr mit dem ursprünglichen Wagen gemeinsam.

Faszinierender als die Höchstleistungen finden viele Sportwagen-Fans ohnehin die hübsche Hülle des ersten C111. Sie stammt von dem Italiener Bruno Sacco, der 1975 zum Chef-Designer von Mercedes avanciert und die S-Klasse von 1979 sowie den kantigen "Baby-Benz" 190 kreiert. Der 4,4 Meter lange und nur 1,1 Meter hohe C111 wirkt wie ein italienischer Sportflitzer. Aus der stark nach unten gezogenen Front klappen Doppelscheinwerfer aus, wie beim legendären 300 SL schwenken Flügeltüren nach oben. Die Lackierung, die in der Sonne wie ein golden schimmerndes Orange wirkt, ist ein weiteres Markenzeichen des C111.

Als auf dem Genfer Salon 1970 ein Entwurf des Wagens präsentiert wird, treffen die ersten Bestellungen in Stuttgart ein. Viele wollen den Sportwagen unbesehen kaufen – doch bekommen wird ihn keiner. "Dabei war die Serienfertigung lange Zeit wahrscheinlich, der C111 hätte eigentlich die Idee des 300 SL fortführen sollen", sagt Daimlers Historien-Experte Josef Ernst. Doch erst mit dem im September 2009 auf der IAA erstmals präsentierten SLS AMG brachte Mercedes wieder einen Supersportler mit Flügeltüren auf den Markt.