Die beiden Frauen schwatzen angeregt miteinander, während sie mit ihrem Wagen mitten in der Nacht durch Göteborg fahren. Plötzlich wankt ein Betrunkener orientierungslos vom Seitenstreifen auf die Straße. Die Fahrerin drückt mit aller Macht auf die Bremse und kann zum Glück einen Unfall vermeiden. Der Schreck steht ihr noch ins Gesicht geschrieben, als sie langsam weiterfährt. Volvo-Unfallforscher John-Fredrik Grönvall macht sich eifrig Notizen – und spult vor zur nächsten brenzligen Situation.

Denn der Zwischenfall fand in einem Testwagen statt, der mit diversen Sensoren und Kameras ausgerüstet ist. Grönvall wertet in aller Ruhe die Daten aus, die von der Fahrt gesammelt wurden. Etwa 100 Autos von Volvo sind im Rahmen des europäischen Feldversuchs Euro-FOT (Field Operational Test) rund um Göteborg unterwegs. Die Autos sind mit allen Sicherheits- und Assistenzsystemen des Herstellers ausgestattet: mit einem Spurwechselwarner zum Beispiel oder mit dem Abstandsregeltempomaten, der automatisch Distanz zum Vordermann hält.

Das Besondere sind jedoch die Systeme zur Datensammlung: Vier Kameras, eine davon im Fußraum bei den Pedalen, nehmen alle Aktionen und Reaktionen des Fahrers sowie das Verkehrsgeschehen vor und hinter dem Auto auf. Sensoren registrieren die Geschwindigkeit und die exakte Position des Wagens, den Einsatz der elektronischen Stabilitätskontrolle ESP und anderen technischen Helfern, die Bedienung von Radio oder Navigationssystem, die Straßenverhältnisse und den Spritverbrauch.

"Wir sammeln mehr als 50 Terabyte Daten und untersuchen drei Millionen gefahrene Kilometer", berichtet John-Fredrik Grönvall, der bei Volvo den Feldversuch leitet, bei dem es darum geht, Fahrer in Alltagssituationen zu beobachten. Hunderte Probanden im Alter von 18 bis 60 Jahren nehmen an dem Projekt teil und haben dazu ihre Wagen mit den Überwachungssystemen ausrüsten lassen. "Wir sind uns bewusst, dass die Kameras das Verhalten des Fahrers beeinflussen können", räumt Grönvall ein. "Die Erfahrung hat aber gezeigt, dass die Testteilnehmer sehr schnell völlig vergessen, dass sie gefilmt werden."

In Volvos Crash-Forschungszentrum bei Göteborg wird das Datenmaterial an mehreren Bildschirmen ausgewertet. Damit die Forscher nicht Hunderte Stunden ereignisloser Autofahrten sichten müssen, hilft eine Software dabei, ungewöhnliche Situationen herauszufiltern – wenn der Fahrer zum Beispiel stark bremst oder das ESP in Aktion tritt.

Bislang geschah laut Grönvall noch kein Unfall, der mitgeschnitten wurde. Doch "früher oder später" werde das wohl passieren. Auch wenn die Forscher das natürlich nicht wünschen, zur Erweiterung der Datenbasis käme ein Crash nicht ungelegen. Doch schon jetzt verfügen die Schweden über eine große Datenbasis realer Unfälle: Wenn ein Volvo im Raum Göteborg in einen schweren Crash verwickelt ist, rückt ein Untersuchungsteam des Autoherstellers aus.

Die umfangreiche Datensammlung von Euro-FOT endet erst im Sommer 2011. Insgesamt arbeiten 28 Partner aus der Automobil- und Zulieferindustrie sowie Universitäten und Forschungszentren an dem Großversuch. 1500 Pkw und Lkw wurden für das Projekt mit verschiedenen Systemen ausgerüstet, zu den Testflotten gehören auch Fahrzeuge von VW, Ford, MAN, Mercedes oder BMW. Acht Systeme werden untersucht, dazu zählt neben Abstandsregeltempomaten und Spurwechselwarnern ein bei Ford getestetes System, das den Fahrer vor einer scharfen Kurve warnt, wenn er mit zu hohem Tempo unterwegs ist. Die Informationen holt sich der elektronische Helfer dazu von den Straßenkarten des Navigationssystems.

Bei Mercedes wird im Rahmen von Euro-FOT nach einem Navigationssystem geforscht, das den Fahrer so wenig wie möglich ablenkt. "Wir wollen herausfinden, welchen Einfluss die Bedienung auf das Fahrverhalten hat und welchen Sicherheits- und Komfortgewinn fest eingebaute Navis gegenüber mobilen Systemen bieten", erklärt Helen Däuwel von Daimler. Man darf auf die Ergebnisse von Euro-FOT gespannt sein – sie werden sicherlich zu verbesserten Assistenzsystemen führen.