Tobias Höhe öffnet das Tor seiner Doppelgarage, wirft einen Blick auf den grauen Golf, klettert dann aber auf ein aluminiumfarbenes Zweirad. In den kommenden 40 Minuten wird es ihn quer über die Schwäbische Alb tragen, 16 Kilometer vom Wohnort Westerstetten bis zur Sparkasse Ulm, Höhes Arbeitsplatz.

Doch einen verschwitzten Kragen hat der 31-jährige Banker nicht zu fürchten. Das bis zu 40 Stundenkilometer schnelle Rad, Marke "Flyer", besitzt nicht nur einen kräftigen Elektro-Hilfsmotor, auch der Akku reicht für Hin- und Rückfahrt. "Man fährt", schwärmt der Hobbyfußballer von seinem Neuerwerb, "als hätte man ewig Rückenwind."

Höhe ist nur einer von 150.000 Deutschen, die im vergangenen Jahr umgestiegen sind aufs "Pedelec", wie Experten den High-Tech-Drahtesel getauft haben. 2010, glaubt Siegfried Neuberger vom Zweirad-Industrieverband ZIV, könnten 180.000 weitere hinzukommen. "Die Hersteller", sagt er, "haben mit ihren Neuentwicklungen einen wahren Verkaufsboom ausgelöst."

Entscheidern in Wirtschaft und Politik dürften die Verkaufserfolge zu denken geben. Sie hatten bislang auf den "Nationalen Entwicklungsplan Elektromobilität" gesetzt. Mit 500 Millionen Euro fördert die Bundesregierung diese Technologie als Teil des Konjunkturpakets. Bis 2020 soll sich die Bundesrepublik zum "Leitmarkt für Elektromobilität" entwickeln. Geht es nach Kanzlerin Angela Merkel, werden bis dahin eine Millionen Elektroautos über die Straßen rollen.

Doch handfeste Ergebnisse der Forschungsinitiative, an der Großkonzerne wie BASF, Bosch, Evonik oder VW tüfteln, gibt es bislang kaum. Gerade einmal 162 Elektroautos registrierten deutsche Zulassungsstellen 2009 neu. "Damit waren es 0,1 Prozent aller neuerworbenen Elektro-Fortbewegungsmittel", lästert Ulrich Kalle, NRW-Geschäftsführer des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) in Düsseldorf.

Die übrigen 99,9 Prozent verdankt das umweltbewusste Deutschland, das mittels der Elektro-Förderung die schadstoffreichen Otto-Motoren zurückdrängen will, findigen Mittelständlern. Der größte von ihnen, der niederländische Zweiradhersteller Accell ("Hercules", "Winora"), kam 2009 gerade einmal auf 573 Millionen Euro Umsatz. Andere Pedelec-Pioniere wie Kettler, Derbycycle in Cloppenburg oder der Schweizer "Flyer"-Produzent Biketec sind sogar noch deutlich kleiner.

Dennoch haben sie etwas geschafft, was den großen Automobilkonzernen bislang vergönnt blieb. "Der Durchbruch in Sachen Elektromobilität vollzieht sich derzeit nicht im Bereich der Kraftfahrzeuge, sondern bei den Zweirädern", beobachtet Elmar Thyen vom Stadtwerke-Verbund Trianel.

Der Zusammenschluss von Stadtwerken aus Heidelberg, Bochum, Gronau, Herne und rund 20 weiteren Kommunen zieht daraus längst die Konsequenzen. Der Verbund will in seinem Vertriebsgebiet nicht nur für die notwendige Infrastruktur wie Radwege und Ladestationen sorgen. Auch um die elektrischen Fahrräder bemüht sich Trianel.

Einen Prototyp hat Trianel bereits gefertigt, im Herbst wird entschieden, welcher deutsche Hersteller ihn bauen soll. Weil Trianel eine Abnahme von mehreren Tausend Stück verspricht, soll der Endpreis für die Kunden unter 1400 Euro liegen. "Viele unserer Stadtwerke wollen ihren Stromkunden die Pedelecs mit mehreren Hundert Euro subventionieren", lässt Thyen durchblicken.