125 Jahre Automobilherstellung feiert Mercedes-Benz im kommenden Jahr. Doch eine alte Dame will die Automarke natürlich nicht sein – deshalb verordnet sich der Stuttgarter Autobauer eine umfangreiche Verjüngungskur. Die Marke mit dem Stern will nicht nur Technologievorreiter im Premiumsegment werden, sondern unter Kreativkopf Gorden Wagener zu einer Designmarke aufsteigen, die sich nicht nur in der Automobilwelt positioniert. Keine einfache Aufgabe, schließlich will sich weltweit eine Vielzahl von Herstellern in ähnlicher Weise in Szene setzen.

Um die schwäbische Traditionsmarke fit für die nächsten Jahre zu machen, hat Wagener an fünf internationalen Standorten ein Team um sich geschart, das Daimler visionärer und emotionaler denn je machen soll. Jedem der fünf Designcenter kommt dabei eine andere Bedeutung zu, die Fäden laufen in der Designzentrale in Sindelfingen zusammen. Von den weltweit rund 500 Mercedes-Mitarbeitern im Bereich Design arbeiten allein 420 in Sindelfingen. In dem üppig dimensionierten Fächerbau auf dem Werksgelände werden regelmäßig neue Vorschläge, Ideen und Fahrzeugkonzepte auf mächtigen Projektionswänden und in der Präsentationshalle vorgestellt und dann darüber entschieden.

Vorschläge für das Design im Innenraum kommen vom Comer See in Norditalien. Hier hat der ehemalige Designchef Bruno Sacco in den 1990er Jahren ein Center für Innenraumgestaltung aufgebaut. Nur wenige Schritte vom See entfernt hausen die knapp 20 Mercedes-Mitarbeiter in einer schmucken alten Villa. Üppig dimensionierte Räume mit Fresken und Deckenmalereien sollen den Erfindergeist animieren. "Italien ist gerade in der Region Mailand nach wie vor einer der 'stylishsten' Plätze auf der ganzen Welt", sagt Michele Paganetti, der das Studio seit mehr als zehn Jahren leitet. "Hier geht es mehr als irgendwo sonst um Mode, Möbel, Chic und Lebensart."

Entsprechend beschäftigen sich die Mercedes-Designer in Como allein mit dem Interieur, mit Materialien und Styling. Eine wichtige Arbeit, denn hier schaut der Kunde hin, fasst an und fühlt sich wohl – oder eben nicht. "Zunächst geht es darum, ob ein genereller Trend etwas für den Automobilmarkt ist", erläutert Paganetti. "In einem zweiten Schritt ist jedoch noch wichtiger, ob dieser Trend dann auch etwas für die Marke Mercedes sein könnte." In den vergangenen Jahren wurde am Comer See eifrig am Innenraum des Mercedes F 800 Style gearbeitet. Im Projekt my first Mercedes ging es zudem um einen Neuanfang für die A-Klasse, die deutlich jugendlicher positioniert 2012 auf den Markt kommt.

Deutlich nüchterner kommt derweil das zweite Designcenter von Daimler in der Nähe von Tokyo daher. Es sitzt seit 1993 in einem wenig aufsehenerregenden Flachdachbau in Yokohama. "Für uns ist Japan nach wie vor das Hirn Asiens", so beschreibt Steffen Köhl, Leiter des Advanced Designs bei Mercedes, die Wichtigkeit des Standorts. Allerdings unterscheide sich die Arbeitsweise der Japaner deutlich von der in Europa. "Sie arbeiten technisch perfekt, doch man muss das Beste vorsichtig aus ihnen herausholen."

Im Mercedes-Studio in Yokohama geht es nicht rein um Design, sondern auch um Zukunftsforschung und neue Trends, die in Asien entstehen. Hier wurde einst die Idee auf den Weg gebracht, wieder Autos der Luxus-Marke Maybach zu verkaufen. Auch große Teile der Innenräume für SLK und S-Klasse wurden hier entwickelt. Inzwischen befassen sich die Mitarbeiter in Yokohama intensiv mit neuen Mobilitätskonzepten. An den herunterziehbaren Präsentationswänden sind Zeichnungen mit Fahrzeug-Studien der Zukunft zu sehen. "Wir arbeiten hier nicht an irgendwelchen Spinnereien", betont Steffen Köhl, "sondern an visionären Zukunftsideen für Verkehrskonzepte von morgen und an der entsprechenden Ausweitung des aktuellen Portfolios".