Drei Themen haben es Horst Schultz besonders angetan: Wankelmotoren, alternative Antriebe und die Marke NSU. Zu allen dreien hat Schultz im Museum Autovision in Altlußheim, einem Städtchen bei Hockenheim, eine einzigartige Sammlung zusammengetragen. So gehören auch ein täglich genutzter Gold-City-Stromer und Elektroroller zum eigenen Fuhrpark der Autovision. Nun können die Altlußheimer ihren ältesten "Dienstwagen" begrüßen: ein Tricar von NSU.

Das dreirädrige Gefährt mit der Holzkarosse und der schmucken Lederbank, Baujahr 1904, befand sich schon lange im Besitz des Museums, bis es in einem einjährigen Kraftakt wieder auf Vordermann gebracht wurde. Zur Verfügung standen den NSU-Experten nur ein paar alte Skizzen und Fotos. Es sei so gewesen, als habe man eine alte Uhr reparieren müssen, sagt Horst Schultz: "Wir mussten uns voll und ganz in die Zeit vor 100 Jahren und in das damalige Ingenieurswissen vergraben."

Bis der wassergekühlte Einzylindermotor endlich lief, vergingen unzählige Stunden in der Werkstatt. "Die ersten Explosionsgeräusche klangen schwer nach Herzrhythmusstörungen", erzählt der Ingenieur. Doch irgendwann knatterte der 106 Jahre alte Verbrennungsmotor im richtigen Takt.

Bei den Recherchen zum NSU-Veteran machte das Museumsteam eine Reihe überraschender Entdeckungen. Das Tricar von 1904 ist nicht nur das einzige noch existierende Modell dieser Baureihe, sondern auch das erste Motordreirad mit Lenkrad, das NSU je gebaut hat. Anhand der Motornummer gehen Schultz und seine Mitstreiter sogar davon aus, dass ihr Tricar genau jenes Ausstellungsstück ist, das 1904 auf der Automobilausstellung in Frankfurt gezeigt wurde.

Beim Concours d'Elegance im Schwetzinger Schlosspark wurde das restaurierte Tricar erstmals in der Öffentlichkeit gezeigt. Schnell war den Mitarbeitern des Museums klar, dass es einen noch besser passenden Ort gab, um den NSU-Veteran zu präsentieren: den London to Brighton Veteran Car Run. Die legendäre Wettfahrt, die seit 1896 jährlich stattfindet, führt vom Londoner Hyde Park ins Seebad am Ärmelkanal. Zugelassen sind nur Fahrzeuge, die im Jahr 1904 oder früher gebaut wurden.

Das Altlußheimer Tricar erfüllt diese Bedingung exakt. Doch einfach aufsteigen und mal eben die 96-Kilometer-Strecke in Südengland fahren ist bei einem 106 Jahre alten Kraftfahrzeug wie dem NSU-Dreirad natürlich nicht drin. Doch viel Zeit für Testfahrten hatte das Team der Autovision vor dem Rennen nicht, kaum 20 Kilometer legte das restaurierte Tricar zurück. Kurz nach dem Startschuss im Hyde Park war bereits die erste Hürde zu überwinden: "Schon in London hatten wir Probleme mit dem Keilreimen", berichtet Schultz. Der Stop and Go-Verkehr habe das Material extrem beansprucht und "größte Konzentration beim Chauffeur" verlangt. Mehrmals musste Schultz den Keilriemen nachspannen.

Doch das Dreirad schlug sich wacker und schaffte mehr als zwei Drittel der Strecke. Beim Zwischenstopp in Crawley holte sich Schultz den begehrten Stempel. "Als wir diese 70 Kilometer geschafft hatten, siegte die Vernunft vor dem Ehrgeiz. Die Berg-und-Talfahrt der Dünenlandschaft vor Brighton wollten wir weder unserem Schnauferl noch uns zumuten", erklärte Schultz.

So legte das steinalte Tricar die letzten Kilometer auf einem Hänger zurück – und war damit in bester Gesellschaft: Beim London to Brighton Run scheiden jedes Jahr viele Dutzend Teilnehmer schon weit vor dem Ziel mit Reifenplatzern, defekten Getrieben oder kapitalen Motorschäden aus. Ganz olympisch – "Dabei sein ist alles" – gibt man sich daher bei der alljährlichen Kult-Veranstaltung.

Nun darf es sich das NSU-Dreirad wieder im Altlußheimer Museum gemütlich machen und den Status als Letztes seiner Art genießen. Neben den zahllosen Stunden der Restaurierung hat das Tricar auch eine Menge Geld verschlungen. Wie viel genau, will Horst Schultz nicht sagen – "aber für einen Mittelklassewagen hätte es sicher gereicht", sagt der Museumsleiter.