Das neueste Riesenspielzeug der Mercedes-Ingenieure steht am Rande des Sindelfinger Werksgeländes in einer großen Halle: eine 7,5 Meter durchmessende Kugel auf sechs metallenen Stelzen. Eberhard Zeeb steht in dem verglasten Führerstand gegenüber dem mattschwarz glänzenden Ei und hat das gleiche Leuchten in den Augen wie ein Kind, das zu Weihnachten eine neue Spielkonsole aus dem Geschenkpapier pult. "Das hier ist die modernste Anlage ihrer Art", sagt der Chef aller Mercedes-Fahrsimulationen – "und zwar weltweit". Doch mit Spielspaß à la Grand Theft Auto hat die Anlage wenig zu tun – dafür umso mehr mit High-Tech-Sicherheitsforschung.

Vor rund vier Wochen ist die Anlage offiziell in Betrieb gegangen. Bis 2012 will Daimler in seinem schwäbischen Technology Center rund 160 Millionen Euro in Infrastruktur, Fahrsimulator und Klima-Windkanäle investieren. Dabei sind Fahrsimulatoren für Mercedes nichts Neues. Schon vor gut 25 Jahren wurde der erste selbstentwickelte Simulator im Daimler-Benz Forschungszentrum in Berlin-Marienfelde eingeweiht. Aber das war im Vergleich zu dem hier in Sindelfingen eher ein Spielzeug.

In die Kugel, die auf den Stelzen sitzt und wie ein Passagierflugzeug über einen einfahrbaren Rüssel betreten werden kann, passen komplette Fahrgastzellen hinein, egal ob Pkw, Van oder Lastwagen. Auf der Innenfläche des Doms wird durch acht Hochleistungsbeamer eine weitgehend realitätsgetreue 360°-Ansicht der Fahrzeugumgebung projiziert: mit Häusern, Wiesen, Bäumen, Verkehrszeichen, Fußgängern, Radfahrern, realistischem Schattenwurf, Gegenverkehr und ziehenden Wolken am blauen Himmel.

Die Fahrzeugbewegungen – Beschleunigen, Bremsen, Holpern, Kurvenfahrt – werden durch einen Linearschlitten und die sechs beweglichen Stelzen auf den Dom übertragen. Man kennt das in kleinerem Maßstab aus dem Vergnügungspark: als kurzen Weltraum-Trip mit der Rakete oder schnellen Flug durch einen Motor. Weil die Passagiere in dem geschlossenen Dom keine optischen Bezugspunkte zur Außenwelt haben, reicht zum Beispiel eine Neigung des Doms nach hinten, um sie in die Sitze zu drücken und so ein Gefühl von Beschleunigung zu suggerieren.

Dabei werden gewaltige Kräfte eingesetzt. Der Linearschlitten etwa schwebt reibungsfrei auf einem dünnen Luftpolster auf dem zwölf Meter langen und 300 Tonnen schweren Führungssystem. Beim schnellen Beschleunigen liegt die Antriebskraft des Linearmotors bei 220 kN – doppelt so viel wie bei einem ICE. Beim Abbremsen wird durch Rekuperation so viel Energie zurückgewonnen, dass es sich lohnt, sie in das Stromnetz des Werkes einzuspeisen. Über 1000 Mal pro Sekunde berechnet ein Hochleistungscomputer das Fahrverhalten des Autos in der Kuppel und überträgt die errechneten Bewegungen auf die Kabine.