Ein Mercedes rast durch die Oranienstraße im Berliner Stadtbezirk Kreuzberg. Die Reifen quietschen, der Motor heult auf. Ein Radfahrer verliert das Gleichgewicht, als der Wagen an ihm vorbei braust: "Verfluchter Raser", brüllt er dem Autofahrer hinterher.

Ob Tempo 30 den Mercedes-Fahrer dazu bringt, langsamer zu fahren, wissen weder Befürworter noch Gegner. Sicher ist aber, dass in Zonen, in denen eine Höchstgeschwindigkeit von 30 Stundenkilometern gilt, deutlich weniger Unfälle passieren und mit erheblich geringeren Folgen.

"Das entscheidende Argument für Tempo 30 ist die Verkehrssicherheit", sagt Gerd Lottsiepen vom Verkehrsclub Deutschland (VCD). Wenn ein Kind drei Wagenlängen vor einem Auto plötzlich auf die Straße rennt, könne ein Autofahrer mit Tempo 30 noch rechtzeitig bremsen. Bei 50 Stundenkilometern sei schon der Reaktionsweg – also die Strecke, die der Fahrer zurücklegt, bis er auf die Gefahr reagiert und bremst – deutlich länger, ebenso der eigentliche Bremsweg. Die Wahrscheinlichkeit, dass das Auto mit noch relativ hoher Geschwindigkeit das Kind trifft und es verletzt oder gar getötet wird, sei viel größer als bei Tempo 30. "Das ist reine Physik", fügt Lottsiepen hinzu.

Das bestätigen auch Studien, etwa eine Untersuchung des Instituts für Verkehrsplanung und Transportsysteme (IVT) in Zürich: Die Zahl der verletzten Menschen sinkt bei Tempo 30 in der Innenstadt um bis zu 50 Prozent, die Zahl der Unfälle um 15 bis 20 Prozent. Deshalb fordert der ökologisch ausgerichtete VCD in Städten Tempo 30 als Regelgeschwindigkeit und Tempo 50 als Ausnahme. Die heutige Rechtslage ist umgekehrt.

Auch Renate Künast, Spitzenkandidatin der Grünen in Berlin, forderte vor wenigen Tagen einen Paradigmenwechsel. Nach ihrer Vorstellung würde Tempo 50 in der Hauptstadt künftig wohl nur noch auf Autobahnen und Hauptverkehrsadern gelten. "Mehr Sicherheit, weniger Lärm, weniger Schadstoffe", argumentieren Befürworter wie Umweltverbände und Verkehrsexperten. "Verkehrsbehinderung, Gängelei, mehr Verbrauch und Lärm", widersprechen die Kritiker.

Dass Tempo 30 mehr Sicherheit auf den Straßen bedeutet, bestreitet auch Carsten Zorger vom ADAC nicht. "Allerdings gilt bereits auf 78 Prozent der Berliner Straßen Tempo 30. Das reicht unserer Ansicht nach aus", sagt Zorger. Tempo 30 als Regelfall sei zumindest für die Hauptstadt nicht nötig.

Das sieht der wissenschaftliche Beirat des Bundesverkehrsministeriums anders: "Es muss streckenbezogen begründet werden, warum schneller gefahren werden darf – und nicht, wie heute die Regel, warum langsamer gefahren werden muss", so die Verkehrsexperten. Sie plädieren für Tempo 30 als eine Maßnahme von vielen, um die Sicherheit auf den Straßen zu erhöhen. Doch Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) vertraut dem Rat seiner Experten offensichtlich nicht: Er will an der Norm von Tempo 50 in geschlossenen Ortschaften nicht rütteln.