Düsseldorf an einem Montagmorgen. Ein Geschäftsmann fährt mit dem Taxi zum Hauptbahnhof, dann weiter mit dem Zug nach Stuttgart. Dort steigt er in die Regionalbahn nach Vaihingen um, wo das Auto eines Car-Sharing-Anbieters schon bereit steht. Bezahlt wird die komplette Reise mit einer einzigen elektronischen Karte – sie ist auf individuelle Bedürfnisse zugeschnitten, berücksichtigt die günstigsten Tarife und umfasst Rabatte für Taxifahrten oder Ermäßigungen für E-Bikes oder Car-Sharing.

Vision oder nahe Zukunft? Neu ist die Idee, mobile Angebote von Bahn, Bus, Tram, Taxi, Mieträdern und Car-Sharing elektronisch zu vernetzen und über eine landesweit gültige Karte abzurechnen, jedenfalls nicht. Erst kürzlich sprach sich Rainer Grießhammer, Mitgeschäftsführer des Öko-Instituts, auf ZEIT ONLINE für eine Netzkarte für das gesamte Bundesgebiet aus. Tarif-Wirrwarr, komplizierte Fahrkartenautomaten, Schlangen am Ticketschalter, nerviges Kramen nach Kleingeld – all das wäre Vergangenheit. Doch vergleichbare Angebote gibt es bislang nur in einigen deutschen Städten.

Der ökologisch ausgerichtete Verkehrsclub VCD würde ein landesweites Angebot begrüßen. Dessen Sprecher Gerd Lottsiepen fordert "mehr Bewegung" bei dem Thema und nennt als Beispiel und Vorbild das Schweizer Modell. Wer ein sogenanntes Halbtax-Abo der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) besitzt, kann zum halben Preis mit allen öffentlichen und den meisten privaten Verkehrsunternehmen durch die Eidgenossenschaft fahren, Bergbahnen und Schifffahrtslinien inklusive. Außerdem gilt in den meisten Städten für Tram- und Busfahrten ein ermäßigter Tarif.

Die Karte kostet in der zweiten Klasse umgerechnet etwa 127 Euro im Jahr und ist äußerst beliebt: Mit knapp 2,3 Millionen Abonnenten besitzt fast jeder zweite erwachsene Schweizer ein Halbtax-Abo. Aufgrund der großen Nachfrage trägt sich das Angebot nach Angaben des Schweizer Dachverbandes für den öffentlichen Verkehr.

Ähnlich der SBB in der Schweiz käme in Deutschland der Deutschen Bahn eine Schlüsselrolle bei der Einführung einer landesweit gültigen Karte zu. Sie verfügt über die nötige Organisation und Logistik, um ein solches Projekt umzusetzen und die Karte auszustellen. Doch wozu?, fragt Andreas Knie. Es existiere doch bereits ein entsprechendes Angebot: Die Bahncard 100 (BC 100), sagt der Geschäftsführer des Innovationszentrums für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel und Bereichsleiter bei der Fuhrpark-Tochter der Deutschen Bahn. 

Die BC 100 bietet eine Flatrate für alle Bahnfahrten, nicht nur im Fernverkehr, sondern in fast allen deutschen Ballungsräumen auch im öffentlichen Nahverkehr. Besitzer der BC 100 müssen kein Ticket mehr kaufen, sondern brauchen einfach nur einzusteigen. Dazu kommen noch Car-Sharing- und Mietfahrrad-Angebote. Die Flatrate-Bahncard stößt jedoch auf wenig Resonanz. "Ihr Anteil ist noch sehr gering", räumt Knie ein. Von gut vier Millionen Bahncard-Kunden erwerben nur 35.000 die 100er-Variante. Um mehr Kunden für das Angebot zu gewinnen, müsste die BC 100 besser vermarktet werden, meint Knie. Zudem könnte zum Beispiel auch die Zahl der Fahrradverleih-Stationen vergrößert oder Rabatte auf Taxi-Fahrten angeboten werden.

Viele dürfte indes der Preis für die BC 100 abschrecken. Immerhin kostet sie in der zweiten Klasse 3800 Euro im Jahr. "Das ist ziemlich teuer und lohnt sich nur für wenige Fahrgäste", sagt VCD-Sprecher Lottsiepen. Allerdings bezweifelt er, dass das Unternehmen die Karte zu einem geringeren Preis anbieten kann. Würde dieser etwa bei 1000 Euro liegen, wäre das für viele Kunden zwar attraktiv, für die Bahn dann aber nicht mehr rentabel, wenn jemand damit 50.000 Kilometer und mehr im Jahr zurücklegte, gibt Lottsiepen zu bedenken.

Er hat aber einen anderen Vorschlag. Die Bahn könnte zum Beispiel Tages- oder Monatsnetzkarten verkaufen, die eine kostenlose Nutzung des ÖPNV oder auch Car-Sharing und Fahrrad-Verleih umfassen – also quasi eine BC 100 für kürzere Zeiträume.