Wir schreiben das Jahr 1977. Die Bundesrepublik wird vom RAF-Terror erschüttert, in Memphis stirbt Elvis, der King of Rock 'n' Roll, und Queen stürmen mit ihrer Hymne We are the champions die Charts. Bundesweit kommen 582.344 Kinder zur Welt und ihre Eltern entscheiden sich besonders oft für die Namen Stefanie oder Melanie, Stefan oder Jan. Im frühen Herbst des Jahres lässt Mercedes den W 123 vom Stapel, der als Handwerker-Kombi und Familienkutsche Karriere machen wird. Wer heute um die Dreißig ist, hat eventuell die ersten Sonntagsausflüge mit den Eltern in so einem Klassiker gemacht, mit Klappstühlen und Kühltasche im Fond.

Autos spiegeln ein Stück Zeitgeist wider, Autos sind ein Stück Zeitgeschichte. Vor allem sind sie – einmal in die Jahre gekommen – mit ganz persönlichen Geschichten und Erinnerungen verbunden. So sind bei jungen Erwachsenen Fahrzeuge aus den siebziger, achtziger und neunziger Jahren wieder sehr beliebt. Laut Statistik des Kraftfahrt-Bundesamtes kursieren deutschlandweit aktuell 6,6 Millionen Youngtimer. Eine Million davon entfallen auf die Marke mit dem Stern.

Untersuchungen zufolge sind etwa 60 Prozent der Halter eines Mercedes-Benz-Youngtimers zwischen 21 und 50 Jahre alt. Mal ist es der Sohn, der sich den Kindheitstraum erfüllt und endlich Papas Auto fahren kann. "Oft sind auch die jungen Kreativen die stolzen Besitzer, die sich mit einem Klassiker vom Mainstream absetzen wollen", sagt Michael Bock, Leiter von Mercedes-Benz Classic.

Deutlich "vom Mainstream abgesetzt" sind jedenfalls die Youngtimer, die derzeit auf der Fashion Week in Berlin für Mercedes Benz inszeniert werden. Dafür haben vier junge internationale Modedesigner und ein Künstler vier in die Jahre gekommene Benz-Modelle in Kunstobjekte verwandelt: eine "Strich-Acht"- Limousine aus dem Jahr 1974, die als der klassische Dienstwagen gilt; einen SL Lifestyle-Roadster von 1977, der zum Inbegriff der wilden Siebziger geworden ist; einen Handwerker-Kombi Baujahr 1981 sowie ein S-Klasse Coupé aus dem Jahr 1991, das als graue Eminenz in die jüngere Automobilgeschichte eingegangen ist.

Für jedes dieser Fahrzeuge hat Künstler Frederik Heyman eine Kulisse geschaffen, die den damaligen Zeitgeist spiegeln soll, das Image und das Prestige der legendären Fahrzeuge, aber auch den Typus Mensch, der seinerzeit am Steuer eines solchen Autos gesessen hat. Dabei haben Heyman und die Modedesigner keine musealen Schaubilder erschaffen. Der Lifestyle von einst wird mit einer großen Portion Ironie ins 21. Jahrhundert übersetzt.

So hat Heyman für den SL-Roadster ein kitschig-schönes, kalifornisches Strandidyll samt Playboy-Duo inszeniert. Sein Einsatz in der US-Fernsehserie Dallas machte den von 1971 bis 1985 gebauten Luxus-Zweisitzer zum Teil des American Way of Life. Für den W-123-Kombi, der von 1977 bis 1985 vom Montageband lief, haben die Künstler eine Picknick-Szenerie geschaffen. Vater und Sohn am Lagerfeuer – so wird das Image eines der ersten Lifestyle-Kombis auf den Punkt gebracht.

Der Vorgänger des W 123, die Baureihe W 115, wurde von 1967 bis 1976 gebaut. Die als "Strich-Acht" bekannt gewordenen Limousinen waren als Dienstwagen in einer Epoche unterwegs, in der mit Studentenrevolte, Hippie-Kultur und Emanzipation Bewegung in die konservative Nachkriegsgesellschaft kam. So hat Designer Mikio Sakabe die Sekretärin am Steuer der Limousine in ein klassisches Cocktailkleid gesteckt, das aber – die Hippi-Mode grüßt – mit großen Augen bedruckt ist. Auch die umstehenden, von Künstlerhand erschaffenen Damen befreien sich aus der mausgrauen Sekretärinnenkluft. Unter dem Flanell blitzt es bereits grell und frech.

Der Mercedes C 126, die Coupé-Variante der Baureihe 126, wurde 1981 erstmals präsentiert und bis 1991 gebaut. Er war das Auto der Diplomaten und führenden Wirtschaftsakteure. Darum umgibt Frederik Heyman die graue Eminenz unter den Mercedes-Klassikern mit einer angedeuteten Weltkugel und mit Schach spielenden Figuren. Die C-126-Fahrer waren also die Entscheider, die Macher ihrer Epoche. Doch die Spieler werfen Schatten – und dabei zeigt sich, dass auch sie nur Pferde oder Türme sind, also Schachfiguren in einem Spiel.

Wenn die Ausstellung am Sonntag zu Ende geht, würde jeder der Designer seinen Mercedes gern mit nach Hause nehmen, sagt Kaat Debo, Kuratorin des Antwerpener Modemuseums, das die ungewöhnliche Automodeshow im Auftrag von Mercedes Benz arrangiert hat. Jeder habe sich in sein Auto regelrecht verliebt. Doch dieser Designerwunsch bleibt unerfüllt. SL & Co. werden nach der Fashion Week unverzüglich zurück nach Stuttgart in die Klassik-Sammlung geschickt.