Die Bundesregierung will die Information für Autofahrer über den umstrittenen Biosprit E10 an den Tankstellen gemeinsam mit der Wirtschaft verstärken. Das sagten Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) und sein Kabinettskollege Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) nach einem Krisentreffen mit der Industrie. Damit will die Regierung die Auto- und Mineralölwirtschaft stärker in die Pflicht nehmen.

An allen Tankstellen sollen künftig Listen ausliegen, die die Autofahrer informieren, ob sie ihr Auto besser nicht mit E10 betanken sollten, sagten Vertreter der Mineralölindustrie. Bei den Automobilklubs könne man sich ebenfalls informieren, warb ein Verbandsfunktionär. Über kostenfreie Telefonhotlines gäben die Hersteller jedermann Auskunft. Die Informationen seien ebenso wie die Angaben der DAT-Liste rechtsverbindlich, sagte ein Vertreter der Hersteller.

Damit ist klar: Den umstrittenen Sprit wird es auch weiterhin geben.

Zu dem Benzin-Gipfeltreffen hatte Brüderle Vertreter von Landwirtschaft, Auto- und Mineralölindustrie, Autofahrerlobby und  Verbraucherschützer in sein Ministerium geladen. Auch Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner und Verkehrsminister Peter Ramsauer (beide CSU) nahmen daran teil. Umweltverbände waren nicht am Tisch. Das Treffen dauerte weit länger als die veranschlagten 90 Minuten.

Das Problem: Die Industrie bietet seit wenigen Wochen das Super-Benzin E10 an, wird ihn aber nicht los. Viele Autofahrer fürchten, dass das neue Gemisch aus fossilem Brennstoff und zehn Prozent Ethanol aus nachwachsenden Rohstoffen die Motoren ruiniert. Etwa sieben Prozent der in Deutschland angemeldeten Autos vertragen den Sprit nicht, etwa drei Millionen Fahrzeuge. Das verunsichert Fahrzeughalter.

An etwa 7000 der bundesweit 15.000 Tankstellen ist E10 zu haben. Weil der Absatz hinter den Erwartungen zurückblieb, kündigte die Treibstoffbranche an, E10 deshalb nicht mehr im geplanten Umfang anzubieten. Sie wollte die Kapazitäten lieber für Super und Super Plus nutzen, das die Autofahrer trotz des höheren Preises gern kaufen.

Ob das eigene Auto E10 verträgt, kann der Autobesitzer auf einer Website nachschauen, auch die Bundesregierung informiert online, was offenbar nur wenige nutzen. Der Autonutzer musste bisher selbst aktiv werden. Röttgen hatte der Industrie vorgeworfen, die Verbraucher nicht intensiv genug über das neue Benzin informiert zu haben.

Auch unter Umweltgesichtspunkten ist der neue Sprit umstritten. Kritiker führen an, dass Landwirte ihre Äcker mit Zuckerrüben, Zuckerrohr und Mais für die Kraftstoffproduktion bestellen, während Lebensmittel immer teurer und knapper werden. Auch verhindere er beim Fahrzeugbau den notwendigen Generationswechsel zum Elektroantrieb hin. Vertreter der Biosprit-Hersteller beklagten aber auch, dass die Verunsicherung der Autofahrer "teilweise durch Falschinformation erhöht" sei.

E10 geht auf eine Initiative der Bundesregierung zurück, die auf diese Weise den Anteil von Biosprit am gesamten Kraftstoffabsatz bis Jahresende auf 6,25 Prozent bringen will, um einer EU-Richtlinie gerecht zu werden. Allerdings schreibt die EU nur vor, dass bis 2020 zehn Prozent der im Transportsektor verbrauchten Energie erneuerbar sein muss. Wie das Ziel erreicht wird, ist Sache der Regierungen. 

Der Bauernverband wies die Kritik an dem Kraftstoff von sich. Bioethanol aus deutscher Produktion verursache vom Acker bis in den Tank nur halb so viel Kohlendioxid wie Benzin aus fossilem Erdöl, sagte ein zuständiger Verbandsexperte. Gäbe es nur noch E10, könnten bis zu zwei Millionen Tonnen Benzin im Jahr gespart werden, was eine Einsparung von zwei Millionen Tonnen Kohlendioxid pro Jahr bedeute.

Verbraucherschützer hatten eine Garantie der Autoindustrie dafür verlangt, das der Kraftstoff die Motoren und andere Teile der Autos nicht beschädigt. Auch Forderungen nach einem "Atempause" kamen auf. Die Konzerne hatten signalisiert, mögliche Strafzahlungen wegen verspäteter Einführung des Biobenzins auf den Spritpreis aufzuschlagen.

Ein Problem der Industrie ist der Umstand, dass der Wintersprit der Sorte E10 bis April verkauft sein muss. Laut einer DIN-Norm ist der Wintersprit anders zusammengesetzt als das Sommerbenzin, damit die Motoren im Winter leichter anspringen. Die Branche könnte wegen der geringen Nachfrage auf nicht unerheblichen Resten der Winterware sitzen bleiben.

In Frankreich ist der neue Treibstoff E10 schon seit April 2009 auf dem Markt. Die Einführung erfolgte laut FAZ reibungslos, von technischen Problemen der Fahrzeuge ist wenig bekannt. Rund 60 Prozent der Autos können den neuen Treibstoff verwenden, jede fünfte Tankstelle verkauft E10. Die Franzosen sind mit einer Produktion von 12,5 Millionen Hektolitern 2009 der größte Produzent Europas vor Deutschland und Spanien.

In Schweden enthält der Bio-Kraftstoff laut SZ bis zu 85 Prozent Ethanol. Etwa 200.000 Autos können damit fahren. Ab Mai solle es landesweit überhaupt kein Normalbenzin mehr geben. Auch etwa in Brasilien und den USA fahren Autos mit Sprit, der bis zu einem Viertel Ethanol enthält. Beide Länder sind Spitzenreiter bei der Ethanolproduktion.

In Deutschland wird Bioethanol erst seit 2005 industriell hergestellt. Die Produktionsanlagen können etwa eine Million Tonnen im Jahr produzieren. Sie verarbeiten hauptsächlich Getreide wie Weizen, Roggen, Mais, Gerste oder Triticale und Zuckerrüben. 2010 wurden in Deutschland rund 583.000 Tonnen Bioethanol hergestellt und damit etwas weniger als im Vorjahr. Von 2007 bis 2009 hatte sich die Produktion noch nahezu verdoppelt.

Der Verband der Biokraftstoffindustrie schätzt den Bedarf für 2011 auf 1,5 Millionen Tonnen Bio-Ethanol – wenn E10 die hauptsächlich genutzte Sprit-Sorte wäre.