Der neue Energiekurs der schwarz-gelben Bundesregierung nach dem Reaktorunglück in Japan und den jüngsten Landtagswahlen verärgert nicht nur die großen Energiekonzerne. Sie ruft auch unter den Automobilexperten Bedenkenträger auf den Plan. Nach Einschätzung von Professor Willi Diez vom Institut für Automobilwirtschaft an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt in Nürtingen-Geislingen würde ein Aus für den Atomstrom die Einführung von Elektroautos ausbremsen.

Der Strom aus regenerativen Quellen sei wegen höherer Erzeugungs- und Netzkosten etwa drei bis fünf Mal teurer als Atomstrom, argumentiert Diez. Durch die höheren Strompreise, ist sich Diez sicher, büßten die Elektrofahrzeuge einen erheblichen Teil ihrer wirtschaftlichen Vorteile im Bereich der Unterhaltskosten ein.

Diez' Kollege Ferdinand Dudenhöffer, Professor an der Universität Duisburg-Essen, hält solche Bedenken dagegen für unbegründet. "Ein beschleunigter Ausstieg aus der Kernenergie würde der Elektromobilität überhaupt nicht wehtun", sagt Dudenhöffer. Selbst wenn die Strompreise durch den Abschied von der Kernkraft um 20 Prozent steigen sollten, würden sich potenzielle Kunden nicht vom Kauf abhalten lassen, denn die Preise für Diesel und Benzin würden noch drastisch steigen. Diese Entwicklung sei angesichts schrumpfender Ölreserven und eines gesteigerten Energiebedarfs auf den neuen Wachstumsmärkten unvermeidbar.

Zum gleichen Schluss kommt die Agentur für Erneuerbare Energien. "Markteinführung von Elektrofahrzeugen und Atomausstieg beeinflussen sich überhaupt nicht", meint Jörg Mühlenhoff, Referent für Energiewirtschaft bei der Agentur. Selbst bei einem massiven Strompreisanstieg würde der Kostenvorteil von Elektrofahrzeugen gegenüber Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor eintreten – wenn auch mit einer kleinen Verzögerung.

Wie sich die Strompreise bei längerer Atomkraftnutzung beziehungsweise nach einem schnellen Ausstieg entwickeln werden, das ist offenbar selbst für Experten eine Rechnung mit etlichen Unbekannten. "Strompreise bilden sich in Deutschland am Markt nach Angebot und Nachfrage. Den Preis setzt dabei das Kraftwerk, das die letzte benötigte Kilowattstunde Strom liefert", erklärt Mühlenhoff.

In Deutschland sind das Erdgas- und Steinkohlekraftwerke, die höhere Kosten für Brennstoffe und CO2-Zertifikate haben. Betreiber von Kernkraftwerken mit vergleichsweise niedrigeren Brennstoffkosten verkaufen den Strom zum gleichen Marktpreis und verbuchen die Differenz als Gewinn. Der Vergleich mit Frankreich, das einen Anteil von 85 Prozent Kernenergie im Strommix hat, zeigt laut dem Energieexperten, dass Kernkraft den Strom nicht zwangsläufig verbilligt. "Dort sind die Strompreise am Großhandelsmarkt ähnlich hoch wie in Deutschland mit einem Anteil von 23 Prozent Kernenergie."