ZEIT ONLINE: Herr Corrêa do Lago, Sie nennen die deutsche Debatte um E10 "surreal". Warum?

André Aranha Corrêa do Lago: Die Aufregung wirkt seltsam auf mich, denn die Technik, um Autos mit Ethanol fahren zu lassen, ist vorhanden. Die deutschen Hersteller verkaufen Autos nach Brasilien, die Kraftstoff mit einem viel höheren Ethanolanteil vertragen. Bei uns gibt es E25 für alle Fahrzeuge. Daneben gibt es noch die Möglichkeit, E100 zu tanken, also Kraftstoff, der nur aus Alkohol besteht. Alle Autos, die von Europa nach Brasilien verschifft werden, können nach einer kleinen technischen Anpassung mit E25 fahren, ob von BMW, Porsche oder Ferrari. Ein deutscher Konzern hat angekündigt, bald für E100 geeignete Wagen anzubieten.

ZEIT ONLINE:Flex-Fuel-Technologie wird auch in Europa schon genutzt.

Corrêa do Lago: Ja, in Schweden. Auch dieser Markt wird von deutschen Konzernen beliefert. Viele wissen das gar nicht. Die schwedischen Gesetze basieren auf europäischen Vorgaben – den gleichen, die auch für Deutschland gelten. Deshalb ist die deutsche Diskussion so kurios.

ZEIT ONLINE: Sie sagen: Dass sich E10 in Deutschland nicht durchsetzt, liege vor allem an den Autoherstellern. Dabei haben sie doch ein Interesse daran. E10 hat den Druck auf sie gesenkt , noch mehr Geld in die Entwicklung umweltfreundlicherer Motoren zu investieren.

Corrêa do Lago: Kurzfristig mag das sein, langfristig aber haben sie kein ökonomisches Interesse an dem neuen Kraftstoff. Wenn ich ein deutscher Autohersteller wäre, würde ich E10 auch nicht mögen. Ich würde versuchen, wirksame Antriebstechnologien zu entwickeln, die ich anderen verkaufen kann. Vielleicht kann ich es sogar schaffen, dass ihre Anwendung per Gesetz vorgeschrieben wird, dann mache ich ein gutes Geschäft. So wird hochtechnologischer Fortschritt angetrieben.

ZEIT ONLINE: Aber ist es nicht viel leichter für die Hersteller, mit Ethanol Geld zu verdienen? Immerhin sind andere alternative Antriebe noch gar nicht für den Massenmarkt geeignet. Wo ist da im Moment das Geschäft?

Corrêa do Lago: Ihre Aussage mag auf kurze Sicht stimmen. Aber die Konzerne haben für die Erforschung von anderen Antrieben schon Milliarden ausgegeben. Deshalb müssen sie weitermachen. Es ist wie in der Pharmaindustrie: Dort investiert man in die Erforschung von zig Wirkstoffen, und nur einer davon funktioniert. Aber die Erlöse aus diesem einen Wirkstoff müssen die Ausgaben für die Erforschung der anderen kompensieren. Darum geht es: Etwas Großartiges zu entwickeln, das man anderen Autoherstellern verkaufen und vielleicht sogar gesetzlich vorschreiben kann, damit jeder es anwenden muss.