Es ist ein stürmischer Sommerabend im Gasometer in Berlin-Schöneberg. Draußen rast der Wind durchs Industriedenkmal, drinnen skizziert der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit mit routinierter Pose Industriepolitik. In nur wenigen Minuten referiert sich Wowereit in die Zukunft des Automobilbaus – die Elektromobilität. "Berlin will da nicht nur dabei sein", sagt er. "Berlin hat alle Chancen, zum deutschen Aushängeschild zu werden."

Berlin, die autokonzernfreie Stadt als Avantgarde der deutschen Autoindustrie? Wie die Chinesen die Autonation Deutschland, so will Wowereit nun die hiesigen PS-Metropolen – Stuttgart (Daimler, Porsche), München (BMW), Köln (Ford) oder Frankfurt (Opel) – per Elektroauto überholen. Weil bar jeder Autofabrik, solle Berlin dann eben "herstellerneutral" Deutschlands E-Mobilitäts-Dorado werden. "Wir sind schon heute das größte Labor in Deutschland", schwärmt Wowereit.

Das Wettrennen um die Teilnahme an einem historisch ebenso einzigartigen wie umstrittenen industriepolitischen Projekt geht in die entscheidende Runde. Wie Berlin buhlen derzeit auch andere Bundesländer darum, eines von einer Handvoll "Schaufenstern" für den Rest der Welt werden zu dürfen. So nennt sich die Idee, mit der die Nationale Plattform Elektromobilität (NPE) Deutschland zu einem "Leitmarkt" für Elektromobilität machen will. Das Gremium aus Vertretern von Regierung, Autoindustrie, übriger Wirtschaft und Verbänden sinniert seit gut einem Jahr über die Zukunft Deutschlands im Elektroautozeitalter.

Geht es nach dem von der Bundesregierung initiierten politindustriellen Komplex, sollen demnächst Mammutprojekte mit insgesamt bis zu 100.000 Elektrofahrzeugen die Stärke Deutschlands auf diesem Feld zeigen. Wichtiger Treibstoff sollen einige Hundert Millionen Euro staatlicher Fördermittel sein. Doch ob die Schaufenster überhaupt den versprochenen Nutzen bringen, ist die große Frage. Denn die Projekte sollen teilweise mehrere Jahre laufen. Zudem hat es einen dermaßen umfassenden Zusammenschluss von Staat und Unternehmen zur Einläutung eines neuen technischen Zeitalters noch in keiner Marktwirtschaft gegeben. Was, wenn die Autoindustrien anderer Länder längst Fakten schaffen und Märkte mit ihren Fahrzeugen erobern, während Deutschland noch im XXL-Maßstab die Elektromobilität als solche erforscht?

Deutscher Sonderweg

Von den Schaufenster-Projekten hängt viel ab für Deutschland, das bei der Elektromobilität im internationalen Vergleich zurzeit hinterherhinkt. Mit Erkenntnissen aus komplexen Tests soll der Rückstand auf die USA und Frankreich und teilweise auch auf Japan wettgemacht werden. Dabei soll Deutschland insgesamt zeigen, dass seine Unternehmen nicht nur Autos mit Steckdosen bauen, sondern auch ein komplettes System für Elektromobilität entwickeln können: vom Solar-Carport über schnurloses Aufladen bis hin zum Batterierecycling. Damit hätte das Volk, das vor über 100 Jahren das Auto erfand, so die Hoffnung der E-Plattform, weltweit eine Alleinstellung.

"Das Ziel der Schaufenster-Projekte ist die Entwicklung eines systemischen Ansatzes", sagt Christian Malorny, Autoexperte der Unternehmensberatung McKinsey, die Politik und Industrie bei den Schaufensterprojekten berät. Wenn die Projekte richtig geführt und ausgewertet würden, könne sich "Deutschland bei der Elektromobilität damit wieder an die Spitze setzen".

Während in Berliner Ministerien noch am Schaufenster-Design gefeilt wird, zeichnen sich die ersten Konturen ab: Eine Jury mit Experten aus Politik, Industrie und Verbänden soll mindestens drei, maximal fünf Regionen festlegen, die ein Schaufenster werden dürfen. Die Ausschreibung und die anschließende Bewerbung der Regionen erwartet die Autoindustrie für Herbst. Bereits im Winter könnte die Entscheidung über die Teilnehmer fallen. Und im Sommer 2012 würden die ersten Projekte Fahrt aufnehmen. Weil sich die Bundesministerien für Verkehr, für Umwelt, für Wirtschaft und für Forschung jeweils gern mit dem Elektroauto profilieren wollen und sich immer wieder gegenseitig ausbremsen, soll eine neutrale Stelle das Vorhaben koordinieren. Im Gespräch sei, so berichten Beteiligte aus der Autoindustrie, das Finanzministerium oder das Bundeskanzleramt.