Fünf D-Mark pro Liter Benzin – die Forderung des Parteitags von Magdeburg 1998 bekommen die Grünen heute noch vorgehalten. Durch die allmähliche Anhebung der Mineralölsteuer sollten die Sozialversicherungsbeiträge gesenkt und der öffentliche Nahverkehr gestärkt werden. Mit Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) war das aber nicht zu machen. Jetzt, 13 Jahre später, pendelt der Benzinpreis um 1,50 Euro. Der Sprit sei damit so erschwinglich wie im Jahr 1980, rechnet eine Statistik vor, die der Mineralölwirtschaftsverband (MWV) vorlegt.

Diese Statistik zeigt, wie viele Minuten für einen Liter Benzin gearbeitet werden muss. 1980 waren das 3 Minuten und 26 Sekunden. Damals zeigte die Zapfsäule einen Literpreis von 1,18 D-Mark an, also 60,2 Eurocent. Der Bruttoarbeitslohn betrug 20,54 D-Mark (10,50 Euro) pro Stunde. Im vorigen Jahr musste nur noch 3 Minuten und 16 Sekunden für einen Liter Benzin zu 1,41 Euro gearbeitet werden.

Die Daten für den Bruttostundenlohn, die vom Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut (HWWI) stammen, beziehen sich auf Vollzeitbeschäftigte im Produzierenden Gewerbe der Leistungsgruppe 2 ("Herausgehobene Fachkräfte") und weisen für das Jahr 2010 einen Durchschnitt von 25,78 Euro pro Stunde aus. Zehn Jahre zuvor, im Jahr 2000, waren es laut der MWV-Statistik 21,50 Euro.

Entwicklung von Lohn und Benzinpreis – zugrunde gelegt wurde dabei der durchschnittliche Bruttostundenverdienst von Fachkräften im produzierenden Gewerbe. © ZEIT ONLINE

Hier beginnt die Statistik für viele Deutsche wohl wenig nachvollziehbar zu werden – nicht nur wegen der Tatsache, dass man an der Tankstelle nicht den Brutto-, sondern Nettoverdienst zur Verfügung hat und sich die Lohnnebenkosten im Lauf der Jahre verschoben haben. Denn die genannten Lohn-Werte stehen in deutlichem Widerspruch zu neuen Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) , das seit der Jahrtausendwende einen Nettoeinkommensverlust von real 2,5 Prozent für alle Gehälter und von bis zu 22 Prozent bei Geringverdienern feststellte. Da tut jeder Cent mehr beim Benzinpreis besonders weh.

Das weiß auch Toni Hofreiter von den Grünen, der zugleich Vorsitzender des Verkehrsausschusses im Deutschen Bundestag ist. Er rückt ab von der einstigen Forderung der Grünen: "Die Steuerung des Kraftstoffverbrauchs über den Preis ist in einer sozial gespaltenen Gesellschaft sehr schwierig. Für die einen ist der Preis fast unerschwinglich, für die Reichen dagegen billig wie nie." Sprich: Die Idee der Grünen, die Energiesteuern anzuheben und mit den Einnahmen die Sozialversicherungskosten zu senken, ist heute kaum noch umzusetzen. Das Konzept dieser ökologischen Steuerreform erscheint wie ein Traum aus vergangenen Zeiten.

Doch was nun? Grundsätzlich plädiert Hofreiter jetzt weniger für marktwirtschaftliche Steuerungsinstrumente – also die Spritpreiserhöhung – und mehr für ordnungspolitische. Der Gesetzgeber könnte die Vorgaben für den Benzinkonsum von Neuwagen deutlich verschärfen, Autos mit weniger Verbrauch kämen in den Markt. Die Realität ist davon weit entfernt. Bei den viel verkauften Klein- und Kompaktwagen stagniert der reale Verbrauch oder er sinkt nur minimal. Das reicht nicht, um Kaufkraftverluste bei gleichzeitig steigenden Benzinpreisen zu kompensieren.