Es kracht laut, als der Laster auf das Stauende fährt. Mit 70 Stundenkilometern fährt er auf zwei hintereinander stehende Autos auf. Sie werden zusammengefaltet, als wären sie aus Papier statt aus Stahl. Die Insassen der Pkw hätten keine Überlebenschance, auf einer echten Straße – doch hier im Crashlabor des ADAC sitzen nur Dummys in den Wagen. Auf einer Autobahn wären die Folgen noch verheerender, denn die ADAC-Experten haben nur einen 5,5 Tonnen schweren Lkw eingesetzt, keinen auf Autobahnen üblichen 40-Tonner.

Immer wieder kommt es real zu solchen Zusammenstößen. Im vergangenen Jahr wurden 4.021 Auffahrunfälle durch Fahrer von Lastkraftwagen und Nutzfahrzeugen verursacht, 58 Menschen kamen dabei ums Leben. Die vom ADAC zitierte Statistik nach Daten des Statistischen Bundesamts weist zusätzlich 4.459 Verletzte aus, davon 50 Schwerverletzte.

Doch der ADAC wollte mit seinem Crashtest nicht allein die desaströsen Auswirkungen solcher Unfälle zeigen. Der Verband kritisiert damit eine Vorgabe der Europäischen Union, die demnächst für Nutzfahrzeuge bindend wird: Automatische Bremssysteme sollen die Aufprallgeschwindigkeit von 80 auf 70 km/h verringern. Dadurch, so argumentiert die EU, werde die Unfallschwere verringert. Das sei viel zu wenig, kontert der ADAC. Der Stand der Technik erlaube es, die Geschwindigkeit um 40 km/h zu verringern.

Zumindest das Bild der zerstörten Autos aus dem Versuchslabor gibt dem ADAC Recht. Dabei ist der Ansatz der EU prinzipiell richtig. Ab 2013 müssen alle neu typgeprüften Lkw mit einem automatischen Notbremssystem ausgerüstet sein. Zwei Jahre später gilt das nicht nur für die neu am Markt eingeführten, sondern für sämtliche neu zugelassenen Nutzfahrzeuge über 3,5 Tonnen zulässigem Gesamtgewicht. Vorgeschrieben ist eine sogenannte Warnkaskade: Ein Fahrer, der aus welchem Grund auch immer gerade unaufmerksam ist, soll zuerst durch einen Warnton oder Ähnliches darauf hingewiesen werden, dass ein Auffahrunfall droht. Erst, wenn er nicht reagiert, greift die Automatikbremse. Diese soll mit mindestens vier Metern pro Sekunde Quadrat verzögern.

Aufpreis wohl moderat

Das Grundsätzliche hat die EU festgeschrieben. In die Details kann noch eingegriffen werden – und hier setzt der ADAC mit seiner Forderung an. Er will, dass die Mindestverzögerung auf sieben Meter pro Sekunde Quadrat erhöht wird. Denn selbst ein voll beladener 40-Tonner kann erstaunlich gut bremsen. Aus 80 km/h steht ein modernes Nutzfahrzeug nach weniger als 40 Metern. "Wir haben jetzt die Möglichkeit, den Gesetzgebungsprozess noch zu beeinflussen", sagt Andreas Ratzek vom ADAC-Technikzentrum in Landsberg, der für den Crashversuch verantwortlich ist.

Dass diese Werte erfüllbar sind, ist ohne Zweifel möglich. Auf die Lkw-Nutzer – also vor allem Logistiker und Spediteure – könnte wegen der Zusatztechnik ein Mehrpreis zukommen, doch der dürfte verschmerzbar sein: "Moderate Preiserhöhungen sind für das deutsche Gewerbe umsetzbar, besonders weil die EU-weite verpflichtende Einführung Wettbewerbsverzerrungen verhindert", sagt Adolf Zobel vom Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL). Der TGX von MAN etwa, einem der großen Lkw-Hersteller, mit fast elf Litern Hubraum und 324 kW (440 PS) Leistung aus sechs Zylindern kostet 80.000 bis 90.000 Euro. Auf ein paar Hunderter kommt es da nicht an. Zudem dürften die Systeme mit der zwangsweisen Serieneinführung schnell billiger werden, vielleicht werden sie sogar aufpreisfrei eingebaut.