In der Vorstellung von Forschern sehen die Straßen vieler Metropolen in ein paar Jahren völlig anders aus: In Zukunft, so glauben sie, werde es keine festen Wege mehr für Autos, Radfahrer und Fußgänger geben, weil sich alle Verkehrsteilnehmer den Platz flexibel teilen. In den Straßen eingelassene Leuchtdioden passen die Flächen nach Bedarf flexibel an. Stauen sich die Autos im Berufsverkehr, werden die Gehwege verkleinert – umgekehrt, wenn abends die Menschen aus dem Theater gen U-Bahn strömen.

Ein besonders spektakuläres Konzept dafür hat der dänische Architekt Andreas Klok Pedersen entwickelt: Er schlägt vor, die verkehrsleitenden Leuchtdioden in eine gläserne Oberfläche einzulassen. Der Glasboden, der sich über Fotovoltaikmodule mit Strom versorgt, erkennt jeden Fußgänger und markiert ihn mit Lichtkreisen, damit Radfahrer gewarnt sind. Autos kündigt der Boden mit blauen Lichtpfeilen an. Per Autopilot steuern die Fahrzeuge automatisch an Hindernissen vorbei.

Plasti-City nennt Architekt Pedersen seine Vision. Sie erscheint kühn und verknüpft doch nur Techniken, die längst erprobt werden: So wächst weltweit die Zahl der Städte, die mit Shared Spaces, also Straßen ohne Begrenzungen und Verkehrsschilder, experimentieren. Auch fahrerlose Autos steuern bereits unfallfrei durch die Stadt, wie Tests in Berlin gezeigt haben. Leuchtende Solarstraßen wiederum werden vom Startup Solar Roadways in den USA getestet – und mit Sensoren, die jeden Winkel der Stadt erfassen, berechnet London, wie viel City-Maut zu zahlen ist.

Absurder als die Visionen ist eh die Gegenwart: São Paulos jüngster Rekordstau war 293 Kilometer lang, trotz zehnspuriger Straßen. Zwei Millionen Städter weltweit sterben verfrüht an Gift in der Luft. Auf der indonesischen Insel Java kamen zuletzt an einem einzigen Wochenende 378 Menschen bei Verkehrsunfällen ums Leben.

Roboter-Taxi auf eigener Spur

Die autogerechte Stadt hat ihre Grenzen erreicht. Es muss gelingen, auf gleichem Raum mehr Menschen zu transportieren – schneller und komfortabler als heute.

Gerade in Indien erscheint das als unlösbare Aufgabe. In den Megastädten Mumbai, Chennai und Kalkutta herrscht Verkehrschaos wie kaum sonst auf der Welt. Vielleicht sind sie die besten Orte für Projekte wie dieses: Mehrere indische Städte, darunter Delhi und die benachbarte Satellitenstadt Gurgaon, wollen Roboter-Taxis einführen. Diese computergesteuerten Kabinen für vier bis sechs Personen warten an Haltestellen auf ihre Fahrgäste. Auf einem Display können die Passagiere die Haltestelle auswählen, schon rollt das Taxi ohne Stopp dorthin. Getrennt vom restlichen Verkehr orientieren sich die Computerkabinen mit Lasertechnik.

Zugleich sind diese Personal Rapid Transit (PRT) genannten Systeme leise, fahren rund um die Uhr und sollen pro Person und Kilometer weniger als halb so viel Energie verbrauchen wie ein Bus. Gurgaon erwägt, eine 105 Kilometer lange Neubaustrecke mit 143 Stationen zu bauen, auf der 3.150 Robo-Taxis rollen. Mut machen die Erfahrungen vom Londoner Flughafen Heathrow: Dort bringen 21 Minitaxis seit September Passagiere vom Parkplatz zum vier Kilometer entfernten Terminal.

Die Chancen für effiziente Elektrofahrzeuge stehen nicht schlecht: Die EU fordert, dass bis 2030 nur noch halb so viele Autos mit fossilem Kraftstoff im Stadtverkehr unterwegs sind. Auch in China wird ähnlich gerechnet. In der südchinesischen Megacity Shenzhen sind testweise 300 Elektrotaxis des chinesischen Elektronikkonzerns BYD unterwegs, und Shanghai schickt erste Elektrobusse auf die Straße, die an der Haltestelle per Oberleitung Strom tanken. In Jakarta wiederum fährt ein Zug namens Aeromovel, der auf einer speziellen Fahrstrecke per Druckluft angetrieben wird – ohne Lärm und Abgase. Im kolumbianischen Medellin befördern seit 2004 sogar Seilbahnen Passagiere umweltfreundlich durch die Stadt.