Falt and Ride statt Park and Ride – Seite 1

Laufräder in Kindergröße, 23 Zentimeter lange Sattelstützen und ein ebenso langer ausziehbarer Vorbau: Auf den ersten Blick wirkt das Birdy befremdend. Wie alle Falträder. Es fährt sich zu Beginn auch ungewohnt, denn es lenkt sich sehr agil. Aber diese Wahrnehmung schwindet rasch. Stattdessen findet der Fahrer neue Vokabeln zur Beschreibung des Fahreindrucks: wendig, später erweitert durch komfortabel. Nach ein paar steilen Abfahrten ergänzt durch erstaunlich hohe Laufruhe.

Das Birdy ist, wie seine Artgenossen mit ähnlicher Technik, ein hochwertiges Rad mit der Zusatzfunktion, faltbar zu sein. Doch diese Fahrradgattung hat einen schlechten Ruf. Der klebt seit den siebziger Jahren hartnäckig an den Falträdern. Dabei haben bekannte Marken wie Birdy, Brompton oder Bernds nichts mit ihren minderwertigen Verwandten, den Klapprädern, gemein. Im Gegenteil. Sie können mit ihren 26er und 28er Pendants souverän mithalten – im Stadtverkehr, beim Ausflug und selbst bei Radrennen.

In der Kategorie Langstrecke ist das Birdy touring ein ernsthafter Kandidat. Dank der kombinierten Naben-Kettenschaltung bleibt sein Fahrer am Berg auf Augenhöhe mit einem 28er-Trekkingrad. Selbst auf unbefestigten Wegen und über Kopfsteinpflaster rollen die 20 Zoll großen Laufräder sicher und komfortabel. Das liegt vor allem an der Vollfederung, die der Hersteller bei allen Birdy-Modellen serienmäßig verbaut.

Packmaß und Geschwindigkeit

Die Federung ist bei den kleinen Laufrädern entscheidend für den Fahrkomfort. Das erste vollgefederte Faltrad hatte Alex Moulton bereits in den sechziger Jahren entwickelt. Dabei hat "der Mann eigentlich mehr Benzin im Blut als Fahrradöl", wie Gunnar Fehlau, der Autor von Das Modul-Bike , feststellt. Denn der Brite erfand die hydraulische Gummifederung für den Mini. Im Zuge der Suez-Krise konstruierte er Fahrräder. Er zog Hochdruckreifen auf 16-Zoll-Laufräder und montierte eine Gummifederung an den Rahmen.

"Seine Räder galten nicht nur als effizient, modern und extrem komfortabel, mit ihnen wurden auch Rennen gegen 28-Zoll-Räder gewonnen", sagt Fehlau. So etwa beim Triathlon oder bei Sprintwettkämpfen. Beim legendären Race across America , bei dem die Fahrer 5.000 Kilometer von der West- zur Ostküste zurücklegen, kamen Moulton-Fahrer unter die ersten zehn. Andere fuhren auf Moultons durch Kashmir oder Australien . "Alex Moulton wollte stets das perfekte Fahrrad erschaffen", sagt Fehlau; und das hatte für den Briten 17 bis 20 Zoll große Räder. Dass man diese Fahrräder auch zerlegen kann, war für ihn eher eine Dreingabe.

Ganz anders bei seinen Nachfolgern: Packmaß und -geschwindigkeit sind heute entscheidende Faktoren für Falträder. Ein Spitzenreiter in diesen Kategorien ist das Brompton , ein weiterer Faltrad-Klassiker aus London . Es lässt sich innerhalb von wenigen Sekunden einfach und komfortabel auf- und abbauen. Dabei schrumpft es mit seinen 57 x 59 x 27 Zentimetern auf die Größe eines kleinen Rollkoffers und wiegt, je nach Ausstattung, zwischen 9 und 13 Kilogramm.

München wirbt fürs Faltrad

"Lange Zeit waren typische Brompton-Fahrer Besitzer einer Yacht oder eines Caravans", sagt Fachhändlerin Maren Blum. Sie verkauft gemeinsam mit ihrem Mann seit Jahren Falträder. Im Frühjahr haben sie in Hamburg den ersten Brompton-Shop Europas außerhalb von London eröffnet. Sie stellen fest, dass sich die Kundschaft gerade verändert. "Die Käufer werden jünger", sagt Blum. Sie sind Endzwanziger, berufstätig und sie pendeln.

Was die alten mit den neuen Fahrern verbindet: Sie sind markentreu. Faltradfahrer identifizieren sich sehr mit den Rädern ihrer Wahl. Im Internet finden sich Birdy-Freunde und Bromptonauten. Letztere treffen sich einmal im Jahr zur Weltmeisterschaft im Londoner Blenheim Palace und fahren in zwei Runden 13 Kilometer durch den Park. Als Dresscode schreibt der Veranstalter Sakko und Krawatte vor – für Männer wie Frauen. Unterhalb der Taille geben sich die Fahrer sportlich und tragen kurz. Darum sieht ein Großteil der Männer aus wie Angus Young von AC/DC, der immer in Schuluniform auf die Bühne tritt.

Aber auch ohne kostümierte Fahrer fallen Falträder auf. In den Großstädten sieht man sie zu Stoßzeiten immer häufiger auf den Bahnsteigen. In der Branche sind sie jedoch noch immer eine Randerscheinung. Wie viele Räder dieser Gattung jedes Jahr verkauft werden, weiß niemand genau. Der Fahrradhandelsverband führt sie unter Sonstige, in einer Gruppe mit Tandems und Liegerädern. Sie machen nur ein Prozent des Gesamtverkaufs aus.

Wie ein Schweizer Messer

In München werben die Verkehrsbetriebe MVV zusammen mit dem Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) und der Kampagne Radlhauptstadt München für die hochmodernen Falträder. Gemeinsam mit dem Hersteller Hartje haben sie ein Sondermodell der Marke Tern entwickelt, das in der bayerischen Landeshauptstadt jetzt flächendeckend bei Fachhändlern vertrieben wird. Seit Kampagnenstart im April wurden 250 Räder verkauft, 500 sollen es in der ersten Saison werden. Regulär kostet das Rad 799 Euro, im Rahmen der Aktion bieten ADFC und MVV es für 749 Euro an.

"Mit der Aktion wollen die Projekt-Partner mehr Menschen dazu bewegen, von Park and Ride auf Falt and Ride umzusteigen", sagt Uwe Hahslbauer von Hartje. Der Grund ist simpel: "Ständig haben sich die Pendler beschwert, dass sie zu den Hauptverkehrszeiten ihr Rad nicht mit in Bus und Bahn nehmen dürfen." Das Faltrad darf überall mitfahren, wenn es zusammengefaltet ist – laut ADFC auch ohne zusätzlichen Fahrschein: Das zusammengepackte Rad gelte als Gepäckstück. München wirbt seit Jahren offensiv fürs Radfahren. Das Konzept soll auf andere Städte ausgeweitet werden, zurzeit führt Hartje Gespräche mit Stuttgart .

Mit dem Faltrad ist es ein bisschen wie mit dem Elektrofahrrad. Man muss sich drauf setzen und losfahren, um überrascht festzustellen, dass es komfortabel ist und Spaß macht. Wie E-Bikefahren macht es leicht süchtig, denn es rollt nicht nur gut, sondern eröffnet plötzlich eine Vielzahl neuer Möglichkeiten. Schließlich kann man es immer mitnehmen, zum Pendeln, für die Fahrradreise oder zur Städtetour.

Fehlau, selbst begeisterter Faltradfahrer, vergleicht es gerne mit einem Schweizer Messer: "Es ist nicht das Beste, aber unglaublich universell und für den Zweck perfekt geeignet." Investieren muss man ein bisschen: Ein Brompton-Faltrad kostet ab 1.038 Euro, das günstigste Birdy – Modell World Birdy sport – kostet 999 Euro.