Wenn das Klagelied der Automobilclubs stimmt, macht sich der leere Kassenstand bei den öffentlichen Haushalten auch in der Straßenqualität bemerkbar. Doch selbst wenn es heute ein paar Schlaglöcher mehr gibt als vor 10 oder 20 Jahren, ist das keine hinreichende Erklärung für den ungebrochenen Trend zu Geländewagen. Denn noch kommen in Deutschland die meisten Autofahrer auch ohne Allradantrieb, erhöhte Bodenfreiheit und Unterfahrschutz ans Ziel. Trotzdem wächst die Nachfrage und mit ihr das Angebot für die so genannten Sport-Utility-Vehicles (SUV) stetig. "Diese Entwicklung hat mehrere Gründe", sagt Henner Lehne vom Prognoseinstitut CSM Worldwide in Bad Homburg (Hessen). Zum einen seien diese Geländewagen sehr Lifestyle-orientierte Produkte, mit denen Kunden sich ein modisches Image geben und von Käufern anderer Gattungen abheben können. "Daneben suggerieren diese Fahrzeuge aber auch mehr Sicherheit, haben ein größeres Ladevolumen und eine höhere Sitzposition mit einem besseren Überblick, was speziell von dem hohen Anteil der weiblichen Kundschaft geschätzt wird." Die Hersteller haben sich auf diesen Trend eingestellt und ihr Angebot ausgeweitet. So weist die CSM-Statistik für Deutschland 1996 gerade einmal 27 SUV-Modelle auf. "Dieses Jahr sind es schon 73, und in weiteren sechs Jahren werden es beinahe 100 verschiedene Modelle sein", prognostiziert Lehne. Gleichzeitig werde der Marktanteil von 2,7 Prozent im Jahr 1999 bis 2012 auf 7,2 Prozent steigen. Ein Beispiel für diese Entwicklung liefert die Marke Jeep, die ausschließlich Geländewagen verkauft und ihr Modellprogramm nun den Erfordernissen des Marktes anpasst. "Wir haben mit unseren bislang drei Modellen vor allem die hart gesottenen Offroad-Kunden bedient - aber vor allem die Einsteiger an Fahrzeuge wie den Toyota RAV-4 verloren", sagt Auslandschef Thomas Hausch in der US-Zentrale und kündigt deshalb gleich vier neue Modelle an. Nachdem der der Commander als kantiger "Bruder" des Grand Cherokee das Programm seit einigen Wochen nach oben abrundet, soll zum Jahresende der Compass für einen Grundpreis von etwa 20 000 Euro den Einstieg erleichtern. Und weil dieser Wagen sehr rund und sportlich gestaltet wurde, gibt es ein halbes Jahr später laut Hausch die gleiche Technik zum ähnlichen Preis im neuen Modell Patriot auch für die Freunde der klassischen Kanten. Doch kompakte und bezahlbare Geländewagen stehen auch andernorts hoch im Kurs. So steht bei Opel im Herbst der neue Antara in den Startlöchern, der nach Angaben des Unternehmens aus Rüsselsheim an die Erfolge des einstigen Marktführers Frontera anknüpfen soll. Die Preise für den Fünfsitzer beginnen nach Werksangaben bei 26 850 Euro. Bereits für Preise ab 22 490 Euro gibt es dasselbe Auto mit modifiziertem Design auf Wunsch auch mit dritter Sitzreihe oder ohne Allradantrieb auch als Chevrolet Captiva. Vom Format her in der gleichen, dem Preis nach aber in einer höheren Liga spielt der BMW X3, der nach Angaben des Herstellers in München diesen Sommer eine Überarbeitung erfährt und von September an mit aufgefrischtem Design und neuen Motoren an den Start geht. Die Preise beginnen bei 33 500 Euro. Ebenfalls hochwertiger als viele Konkurrenten soll der neue Freelander werden, den Land Rover im Herbst einführen will. Die zweite Generation des britischen SUV bedient sich in Optik und Technik beim großen "Bruder" Discovery und wird "wohl auch in der 30 000 Euro-Klasse" antreten, heißt es in Unternehmenskreisen. Schuld am deutlichen Preisanstieg ist auch der Verzicht auf den günstigen Dreitürer mit Hard- oder Softtop. Aber nicht nur die kleinen Geländewagen sind groß im Kommen. Gerne dürfen es in diesem Herbst auch Abenteuerautos im XXL-Format sein. So holt Mercedes nun für Preise ab 63 884 Euro den GL nach Europa. Der große "Bruder" der M-Klasse ist 5,09 Meter lang und soll mit bis zu sieben Sitzen unter anderem gegen den Audi Q7 antreten. Im direkten Wettbewerb dazu steht - zumindest in den USA - der neue Cadillac Escalade, der nach Angaben von Pressesprecher Werner Röser in diesem Herbst ebenfalls nach Deutschland kommen soll. Dazu gibt es nach Informationen aus den jeweiligen Unternehmenskreisen noch in diesem Jahr einen Generationswechsel für den BMW X5, ein erstes Facelift für Porsche Cayenne und VW Touareg sowie eine dezente Überarbeitung für den Land Rover Defender, mit der das Allradfossil einmal mehr die Zulassungshürden überwinden soll. Zwar mag es in der Savanne oder in den Alpen gute Gründe für den Kauf solcher Fahrzeuge geben. Und auch Wintersportler oder Kunden mit schweren Anhängern kaufen ein SUV vielleicht zu Recht. Doch allein mit rationalen Überlegungen ist der Boom für die Geländewagen nicht zu erklären. Die Entscheidung für ein SUV fällt laut CSM-Experte Lehne denn auch vor allem im Bauch: "Obwohl die meisten Käufer nicht im Traum daran denken würden mit ihrem Fahrzeug ins Gelände zu fahren, schätzen sie dieses "Nichts-kann-mich-stoppen"-Gefühl, wenn sie in ihrem Geländewagen durch die Stadt fahren."