Im Zweifel für den Angeklagten. Das ist schon fast eine Volksweisheit. Für mich ist es eine Gewissensfrage, jedes Mal wieder. Meine Aufgabe als Richterin ist es schließlich, herauszufinden, was wirklich passiert ist, die Widersprüche in den Zeugenaussagen zu finden. Das gelingt nicht immer, und so muss ich manchmal einen Angeklagten freisprechen, obwohl ich an seiner Unschuld zweifle.

Der Mann, der mir an jenem Tag gegenübersaß, war nur zwei Jahre älter als ich. Der Vorwurf lautete: Betrug. Er hatte einen Mietvertrag abgeschlossen, obwohl er die Miete nicht zahlen konnte oder wollte. Um die Wohnung zu bekommen, soll er dem Vermieter seinen Zahlungswillen vorgegaukelt haben. Doch der Angeklagte stritt das rigoros ab.

Bei der Eröffnung der Verhandlung habe ich zuerst den Angeklagten angehört und befragt. Er redete viel und schnell: "Frau Vorsitzende, ich hatte einen Job, wirklich." Wenn er zur Zeit des Vertragsabschlusses einen Job gehabt hätte, hätte er seine Zahlungsfähigkeit nicht vorgetäuscht, das war also von zentraler Bedeutung. Hatte er einen Arbeitsvertrag? "Ich hab nichts unterschrieben." Sein Gehalt? "Immer nur in bar." Der Name seines Chefs? "An den kann ich mich nicht erinnern, der war sehr kompliziert." Den Laden, in dem er angeblich gearbeitet hatte, gab es inzwischen nicht mehr. Das klang alles wenig plausibel.

Zugetraut hätte ich dem Angeklagten den Betrug schon. Er war auch schon wegen Betrugs vorbestraft. Ehrlich gesagt, er wirkte auf mich nicht gerade vertrauenerweckend. Aber es zählt ja nur, ob sich der Tatvorwurf beweisen lässt – und da reicht eben ein mulmiges Gefühl nicht. Wenn ich jemanden ins Gefängnis schicke, verliert der wahrscheinlich seinen Job und kann seine Familie nur noch während der Besuchszeiten sehen. Das ist keine einfache Entscheidung. An einem Sitzungstag verhandele ich durchschnittlich fünf bis sieben Fälle; da ist fast jedes Mal ein Angeklagter dabei, den ich ins Gefängnis schicken muss.

Der perfekte Zeuge in diesem Fall wäre natürlich der Ladenbesitzer gewesen. Aber das Gewerbeamt konnte bei der Suche nach ihm nicht weiterhelfen. Auch das Befragen des Vermieters brachte mich nicht weiter: "Er hat gesagt, er arbeitet in einem Laden. Mehr wollte ich nicht wissen." Die Mutter des Angeklagten und ein Bekannter bestätigten, dass der Mann regelmäßig weggefahren sei mit dem Hinweis "Ich fahre jetzt zur Arbeit". Neue Erkenntnisse brachte das leider nicht. Nach den Plädoyers des Staatsanwaltes und des Angeklagten zog ich mich in mein Beratungszimmer zurück. In Strafsachen muss ich anders als bei Zivilsachen direkt entscheiden, die Prozessteilnehmer warten dann auf mich. Das ist ein ziemlicher Druck, weil ich allein entscheiden muss, ohne mich lange beraten zu können.