Der naturwissenschaftliche Lesesaal der Staatsbibliothek Unter den Linden in Berlin ist ein altehrwürdiger Raum. An den Wänden der hohen Räume ziehen sich dunkle Holzregale entlang, die mit wertvollen naturwissenschaftlichen Büchern aus dem 19. Jahrhundert gefüllt sind. Quadratische Tische mit grüner Schreibfläche und drehbaren Leselampen stehen in Vierergruppen zusammen. Die Luft ist stickig, die Atmosphäre ist gedämpft, nur das leise Klicken auf den Laptops ist zu hören. Doch die "Stabi Ost", wie sie auch genannt wird, wird von vielen Besuchern nicht nur zum Lernen genutzt.

Bibliotheken sind neben Caféterien und Seminaren die Orte, an denen es sich als Student am leichtesten flirten lässt. Möglichkeiten, Kontakt zu knüpfen, gibt es hier viele: Im Pausenraum, auf den Bänken vor der Stabi, vor den Schließfächern oder manchmal sogar in den Lesesäalen selbst. Als Kontaktbörse bietet die Bibliothek einige Vorteile: Man begegnet sich in einer Alltagssituation, hier ist die Atomosphäre längst nicht so aufgeregt wie in einem Club. Man begegnet sich regelmäßig, das schafft Vertrauen, man ist sich nicht mehr fremd.

Doch in Berlin hat nicht die Stabi Ost, sondern die Neue Staatsbibliothek am Potsdamer Platz, die Stabi West, einen ganz besonderen Ruf. Studenten nennen sie auch das Eheanbahnungsinstitut für Akademiker. Ein Flirtwilliger hat hier die Qual der Wahl. Etwa 3000 Leser kommen pro Tag hierher. Fabian ist einer von ihnen. In der Stabi West schreibt er seine Doktorarbeit, was ihn aber nicht davon abhält, den ganzen Tag zu flirten. "Das gehört dazu, um die Monotonie des Lernens zu unterbrechen", schmunzelt er. In der Stabi fand er auch seine Freundin und zwar über den "Dominoeffekt", wie er es nennt: Ein Freund kannte die Angebetete und stellte beide einander vor.

Die Stabi Ost am Prachtboulevard Unter den Linden dagegen ist der Hort der Geisteswissenschaftler. Hier geht es etwas ruhiger zu - man will für sich sein. "Ich komme nur hierher, um zu arbeiten und will dabei auch meine Ruhe haben", sagt die 28-jährige Raija, die sich denn auch an einen der zurückgezogendsten Plätze gesetzt hat. Sie sitzt direkt vor einer Wand, Blickkontakt ist da nicht möglich. Bereits seit fünf Jahren kommt sie regelmäßig in die Stabi, doch flirten lässt es sich ihrer Meinung nach hier nicht. "Dafür ist es hier ziemlich deprimierend", sagt sie. "Morgens kommen die Leute wie Arbeitsroboter herein und sitzen alle in einer Reihe." Jeder andere Ort sei geeigneter als die Stabi Ost, um Leute kennen zu lernen.

Auch der 29-jährige Wolfram hat diese Zurückhaltung beobachtet. Obwohl manche Leser bisweilen monatelang im selben Raum und auf dem selben Platz sitzen, halten sie Distanz. "Jemanden anzusprechen, den man schon lange vom Sehen kennt, ist fast wie ein Regelbruch", sagt Wolfram, der hier seine Magisterarbeit schreibt. Es ist eine höfliche Distanz, die in den Gängen und in den Lesesäalen eingehalten wird: Man nickt sich zu, vielleicht lächelt man - mehr aber auch nicht.

Andere Erfahrungen hat dagegen Katja gemacht. Die Schweizerin konnte den vielen Flirtversuchen kaum ausweichen, als sie zum ersten Mal in den Lesesaal kam und sich mit ihren Büchern auf einen der freien Plätze setzte. "Es prasselte ein wahres Blickgewitter auf mich nieder", erzählt sie.