Drei Nationalitäten, zwei Entitäten, ein rotierendes Präsidialsystem - der Friedensvertrag von Dayton hat nicht nur den Bosnienkrieg beendet, er hat auch eine Menge Hürden geschaffen, um keiner der Kriegsparteien zu viel Macht zu geben. Im Herbst 1995 wurde er geschlossen, seitdem lebt Bosnien-Herzegowina im Frieden. Von einem funktionierenden Staat kann aber auch über zehn Jahre nach Kriegsende nicht die Rede sein. Anfang des Jahres wurde eine neue Verfassung abgelehnt, mit der die Gesetzgebung entkompliziert werden sollte, in dem der Zentralstaat mehr Einfluss bekäme. Ein einheitliches Bildungsgesetz schafft es erst gar nicht zur Abstimmung, obwohl es ständig zur Diskussion steht. Nationalistische Politiker der Kroaten, Bosniaken und Serben scheinen an Einigungen gar nicht interessiert zu sein. Persönliche Interessen, nationalistische Ideologien und reaktionäres Denken verhindern die Entwicklung zu einer echten und gelebten Demokratie.Das Zusammenleben der verschiedenen ethnischen Gruppen des Landes gestaltet sich immer noch schwierig. Seit Jahren streiten bosnische, kroatische und serbische Politiker über das Bildungssystem. Die serbischen Politiker möchten kein Bildungsgesetz auf nationaler Ebene, sondern separate für die zwei Entitäten, die "Föderation Bosnien und Herzegowina" in der Bosniaken und Kroaten leben, und die "Republika Srpska", die mehrheitlich von Serben bevölkert wird. Jede der Volksgruppen hat ihre eigene Version der gemeinsamen Geschichte, dazu kommt, dass die serbischen Nationalisten die Schulbücher in kyrillischer, Bosniaken und Kroaten in lateinischer Schrift gedruckt sehen wollen.Der Streit isoliert das Land - und seine Absolventen. Die bosnischen Unis nehmen zwar am Bologna-Prozess teil und stellen ihre Abschlüsse auf Bachelor und Master um. Doch solange es nicht zu einem einheitlichen Bildungssystem kommt, werden diese Abschlüsse im Ausland kaum anerkannt. Jede Uni im Land hat ihre eigenen Standards und Regeln.Zu diesen ganz eigenen Regeln gehört auch der unterschiedliche Umgang mit den verschiedenen Ethnien an den Unis. So werden an den Unis der Republika Srpska Bosniaken und Kroaten auf eine simple Art ausgegrenzt - mit dem kyrillischen Alphabet. Auch in Bosnien ist man noch weit von einem multikulturellen Miteinander entfernt. So findet man in bosnischen Metropolen meist zwei verschiedene Unis: Im Stadtkern von Sarajevo beispielsweise liegt die alte, traditionelle Uni, die mehrheitlich von Bosniaken besucht wird, in der serbischen Vorstadt wurde eigens für die serbische Bevölkerung der Stadt ein neuer Campus gegründet. Genauso in Mostar: Auch hier gehen Kroaten und Bosniaken auf getrennte Unis (siehe Reportage in Zeit Campus - Das Magazin).Ohne das gemeinsame Bildungsgesetz können die Unis oder Professoren die Regeln von Fall zu Fall selbst festlegen. Die Studenten sind dagegen machtlos.Einer, der unter dem Bildungschaos zu leiden hat, ist Senan. Der 23-Jährige ist schon ziemlich weit in seinem Jura-Studium, kommt nun aber nicht mehr vorwärts. Er hat sich mit einem Professor verkracht und fällt seitdem jedes Mal durch dessen Prüfung, die notwendig ist, um das insgesamt vierjährige Studium zu beenden. Unverbindliche Studienordnungen lassen keine Beschwerde bei der Universitätsleitung zu, ohne gesetzliche Bestimmungen kann er seine Rechte auch vor keinem Gericht einklagen. Senan gibt trotzdem nicht auf: "Ich will möglichst viel lernen, damit ich zurück nach Deutschland kann zum Arbeiten oder eine Anstellung bei einer internationalen Organisation bekomme." Von 1995 und 1999 hat er als Flüchtling in Deutschland gelebt. Jetzt schlägt er sich in Sarajevo mit Dolmetscherjobs durch.Amer, der vor kurzem sein Geschichtsstudium beendet hat, nennt noch einen weiteren Grund für den schlechten Stand des bosnischen Bildungssystems. "Die Professoren sind falsch! Es gibt immer noch die Professoren, die treue Kommunisten waren und jetzt den Kommunismus kritisieren, nur um ihre Posten zu sichern", schimpft der 25-Jährige. Als Journalist bei einem Nachrichtenmagazin hofft er nun mithelfen zu können, dass es mit der Demokratisierung in Bosnien-Herzegowina weiter geht.Alijah hat sich dagegen mit der Situation arrangiert. Er studiert in Sarajevo Wirtschaftswissenschaften und Arabisch und bezahlt gerne die 600 Euro, die ihm sein Studium im Jahr kostet.Mit seinem Anzug und seinen blankpolierten Schuhen wirkt der 21-Jährige nicht gerade wie ein Student. Der Grund für Alijahs gepflegtes Äußeres: Es sind Semesterferien, da wird aus dem Studenten ein Unternehmer. "Ich möchte ein internationaler Manager werden und die arabische Welt mit der westlichen wirtschaftlich zusammen bringen", sagt er. Alijah hat die Vertriebsrechte für Uhren erworben, die neben der Tageszeit auch die Gebetszeiten des Islams anzeigen. Gebaut werden die Uhren in China, die Investoren kommen aus der Schweiz - die Globalisierung ist längst im multi-ethnischen Sarajevo angekommen. Doch nicht alle profitieren davon so sehr wie Alijah: Das Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner beträgt 2.095 Euro. Nur wenige können sich Studiengebühren leisten - zumindest, wenn sie nicht so geschäftstüchtig wie Alijah sind.Anfang Oktober waren Wahlen in dem Balkanstaat, Anfang November die Vereidigung der neuen Präsidenten. Damit ist der Wahlkampf, der das Land ein halbes Jahr lang politisch lahm gelegt hat vorbei. Gewonnen haben gemäßigte Nationalisten. Doch zu erstarrt scheinen die politischen Fronten, um das Bildungssystem schnell zu reformieren. Auf eine politische Einigung in naher Zukunft können Studenten wie Amer und Senan nur hoffen.