Der Mann wirkt jünger, als er ist. Obwohl schon Anfang Dreißig, ist Alexander Willmann - jugendliches Gesicht, Dreitagebart - ein verspielter Mensch. Willmann, der in Wahrheit ganz anders heißt, fingert an der Serviette auf dem Tisch in der dunklen Kneipe herum und lässt Wachsreste in der Kerzenflamme schmelzen, bis ihm die Finger schwarz werden. Dazu trinkt er ein Hefeweizen und erzählt seine Geschichte. Bloß nicht nachfragen: Diskretion ist oberstes Gebot eines Ghostwriters.© Getty Images/Montage: Tim Holthöfer

Willmann hat Geisteswissenschaften studiert und danach keinen passenden Job gefunden, und weil er nicht bereit war, Kompromisse einzugehen, hat er beschlossen, sich auf unkonventionelle Weise durchzuschlagen. Er schreibt akademische Arbeiten für verschiedene Agenturen, die ihm die Aufträge vermitteln. Willmann ist Ghostwriter.

Für wen genau er schreibt und zu welchem Zweck, weiß Willmann nie. "Das will ich auch gar nicht wissen", sagt er. Die Unwissenheit dient seinem eigenen Schutz. Denn mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit geben die Kunden die Arbeiten als ihre eigenen aus, sei es im Unternehmen oder im Hochschulbetrieb. Willmann aber beteuert: "Ich würde keine Arbeit schreiben, wenn ich sicher davon ausgehen müsste, dass sie zu diesem Zweck missbraucht wird".

Willmann hat schon mehrere Gutachten geschrieben, die den Umfang einer Diplom- oder Magisterarbeit hatten, auch einige wissenschaftliche Abhandlungen, von denen er überzeugt ist, dass sie später in irgendeiner Weise veröffentlicht wurden - möglicherweise in einer renommierten Zeitung, sehr wahrscheinlich unter irgendeinem fremden Namen. Willmann recherchiert das nicht nach. Er geht davon aus, dass er beispielsweise für Beamte schreibt, die "dazu verdonnert wurden, einen Aufsatz für irgendeine Fachzeitschrift zu verfassen". Zwischen solchen Aufträgen erstellt er hin und wieder ein kleineres Dossier mit zehn, zwanzig Seiten, aber auch schon mal eine umfangreiche Dissertationsvorlage, die dem Kunden offensichtlich helfen soll, sich in das Thema einzuarbeiten. Pro Seite kann Willmann mit 30 bis 40 Euro brutto rechnen; im Monat schafft er, wenn es gut läuft, 50 bis 60 Seiten.

Ein Hauch von Anrüchigkeit

Willmann kommt seinen eigenen Worten zufolge mit dem Geld einigermaßen über die Runden, lebt bescheiden und noch immer in einer WG. Er wolle das so, sagt er. Doch das Einkommen ist kein sicheres - und ein Hauch von Anrüchigkeit ist auch nicht wegzudiskutieren. Doch die kleine Universitätsstadt, in der er lebt, bietet ihm nicht genügend berufliche Alternativen, um sich anderweitig zu verdingen.

Deshalb hat sich Willmann seine eigenen Welten aufgebaut: die als Ghostwriter und die als Schriftsteller. Er lebt von der ersten und für die zweite. Er schreibt nebenher, "wenn mal wieder was raus muss", Bücher unter verschiedenen Pseudonymen, satirische Werke in Kleinstauflagen, aus denen eine unverkennbare Stimme spricht: voller Ironie und Sarkasmus auf Teile seiner Umwelt, und daher nicht immer politisch korrekt, sprich: marktfähig. Es ist das Ventil Willmanns; das Stänkern eines Einzelnen gegen eine Gesellschaft, in der er bisher nicht so Fuß fassen konnte, wie er es gern getan und vielleicht verdient hätte.

Willmanns Brötchengeber, die Ghostwriting-Agenturen, sind leicht über das Internet zu finden. Ihre Kundschaft dagegen verlangt strikte Diskretion und lehnt in der Regel jedes Gespräch über den Kauf der akademischen Arbeiten ab. "Ich habe in 20 Jahren noch keinen Kunden erlebt, der bereit gewesen wäre, darüber zu sprechen", sagt der Geschäftsführer einer der führenden Anbieter am Markt. Nur wenige Studenten befänden sich unter seiner Kundschaft. Die Klienten seien "im Wesentlichen Unternehmen, Unternehmensberater, Selbstständige und Behörden".

Neue Ghostwriter drücken die Preise

Die Preise für die Arbeiten lägen zwischen 40 und 500 Euro je geschriebene Seite, abhängig von Thema und Schwierigkeitsgrad; die Kunden seien so gut wie immer zufrieden mit den Ergebnissen der Untergrundwissenschaftler, versichert der Geschäftsführer. Kein Wunder also, dass das Marktwachstum in der Branche - speziell, nachdem die Agenturen das Internet für ihre Eigenwerbung entdeckten - kontinuierlich anstieg und, so Kenner, inzwischen "auf hohem Niveau stagniert". Zur Bremse für das Wachstum etablierter Anbieter entwickeln sich oft unseriöse Ghostwriting-Neulinge, die den Markt mit Dumpingpreisen kaputtmachen. Besonders nachgefragt, erklärt der Agentur-Chef, würden derzeit wirtschaftliche Themen. Sie seien geradezu eine tragende Säule in der Branche geworden.

Das Problem des studentischen Betrugs durch Ghostwriting habe sich verschärft, glaubt Professor Detlef Müller-Böling, Leiter des "Centrums für Hochschulentwicklung" in Gütersloh und ehemaliger Rektor der Universität Dortmund. Es sei aber "bei allen empirischen Wissenschaften, insbesondere den Naturwissenschaften, wo in Arbeitsgruppen geforscht wird, eigentlich ausgeschlossen". Ein richtiges Konzept für die restlichen Disziplinen scheint es dagegen nicht zu geben. Den schummelnden Studenten drohe lediglich der Entzug der Prüfungsleistung, stellt Müller-Böling fest.

"Die meisten sind zu faul"

Über solche Konsequenzen kann der 32-jährige Ghostwriter Philipp Jaschke (Name ebenfalls geändert) nur müde lächeln. Der Diplom-Kaufmann ist zwar erst seit einigen Monaten im Ghostwriting-Geschäft, kennt die Gepflogenheiten der Branche aber schon bestens. Ihm ist egal, für wen er schreibt: "Die meisten haben offenbar Geld, sind aber faul beziehungsweise dumm. Das merkt man allein schon an den Emails, die da kommen, wenn das Thema abgesteckt wird." Da gehe es zu wie auf der Hauptschule, witzelt Jaschke, "Buchstabensalat und eine katastrophale Aussagenlogik, von Interpunktion ganz zu schweigen. Da werden ganz offensichtlich grundlegende Zusammenhänge nicht verstanden und Bemerkungen gemacht, die man einem Akademiker ganz und gar nicht zuordnen würde."

Aber Jaschke lebt gut von dem Geschäft. Für die meisten Aufträge brauche er nur wenig Zeit, sagt er. Viele Literaturquellen habe er noch aus dem Studium zu Hause, so könne er sich schnell in das Thema einarbeiten. Natürlich habe er "auch ein bisschen Talent", sagt Jaschke nicht ohne Stolz, "einerseits fürs Schreiben und andererseits für den Instinkt, zu wissen, wo man wie viel labern darf." Er grinst.

Aber wie Willmann würde auch Jaschke lieber etwas anderes arbeiten. Und die Verwässerung des eigenen Uni-Abschlusses, "ärgert einen schon", sagt Jaschke, der diese Verwässerung ja mit herbeigeführt hat. Andererseits, verteidigt er sich, werde in den Universitäten ständig autorisiertes Ghostwriting betrieben: Wenn ein Professor ein Buch unter seinem Namen herausbringe, "dann haben mit Sicherheit seine Mitarbeiter einen Großteil geschrieben", behauptet der Ghostwriter. Und diese Mitautoren würden nicht einmal im Dankeswort auftauchen - ein Argument, auf das man in der Szene immer wieder stößt: Auch Ghostwriter Willmann beklagt "einen gewissen Anteil von Professoren, die ihre Assistenten für ihre Publikationen einspannen oder ihre Professur nur dank des richtigen Parteibuches innehaben".

Neue Arbeitsmoral

Professor Müller-Böling sieht das anders. Ihm ist bisher kein einziger derartiger Verdachtsfall bekannt. Im Gegenteil: Es gebe an den Universitäten "einen eindeutigen Trend dazu, alle Autoren aufzuführen", sagt er. Da habe sich das "Verhalten gegenüber den sechziger Jahren grundlegend verändert".

Vielleicht hat sich ja auch unter den Ghostwritern die Arbeitsmoral verändert: Den Betrügern unter ihren Kunden gönnen jedenfalls Ghostwriter Willmann und Jaschke die durch sie erworbenen akademischen Meriten nicht. Vielmehr müsse man gegen solche Leute hart durchgreifen: Denn die "verdienen es, von der Uni zu fliegen", findet Willmann.

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