Diversity meint die Anerkennung und Wertschätzung von Unterschiedlichkeit und Individualität. Studierende aus anderen Ländern, Frauen, Alte oder Menschen mit Behinderungen sollen aus der Exotenecke herausgeholt und Andersartigkeit nicht länger als Defizit, sondern als Stärke betrachtet werden. Dass vielfältige Perspektiven die Zusammenarbeit oft bereichern und die Ergebnisse verbessern, zeigen empirische Studien.

Der Anteil an Studenten mit Migrationshintergrund in Deutschland wächst. Das betrifft zum einen die so genannten Bildungsinländer, die über eine deutsche Hochschulzugangsberechtigung verfügen, zum großen Teil in Deutschland geboren sind, aber nicht die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen. Das betrifft zum anderen aber auch die so genannten Bildungsausländer, die ihre Hochschulzugangsberechtigung im Ausland erworben haben und zum Studium nach Deutschland einreisen. Nach Angaben des Deutschen Akademischen Austausch Dienstes (DAAD) studierten 163.000 Bildungsausländer in Deutschland. Die Zahl der Bildungsausländer stieg damit seit 1997 um 63 Prozent. Mit 20.000 Studenten sind die Chinesen die größte Gruppe unter den Bildungsausländern. Allein von 2002 bis 2003 stieg ihre Zahl um fast 50 Prozent. Die zweitgrößte Gruppe stellt Polen mit rund 10.000 Studenten.

Mit der Mobilität der zukünftigen Akademiker nimmt auch die Vielfalt an deutschen Hochschulen zu. Doch die Universitätslandschaft verändert sich in mehrfacher Hinsicht, auch und vor allem bei der Zahl der Studentinnen. So stieg der Anteil der Studienanfängerinnen in den letzten Jahren bundesweit kontinuierlich von 43,3 Prozent (1992) auf 48,8 Prozent (2004) an. Der Anteil der Absolventinnen an deutschen Hochschulen kletterte von 38,6 Prozent (1992) auf 49,2 Prozent (2004). Doch es gibt nicht nur immer mehr Frauen an den Unis, sondern auch immer mehr ältere Studierende. Laut Statistischem Bundesamt gehörte im Wintersemester 2005/2006 fast jeder zweite Gaststudent an deutschen Hochschulen der "Generation 60 plus" an. Die Zahl der über 60-jährigen Gasthörerinnen und Gasthörer hat sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt.

Doch trotz dieser bunten Vielfalt auf ihrem Campus beschäftigen sich die wenigsten Universitäten mit dem Spektrum ihrer eigenen Organisation - bislang. Der Diversity-Experte und Fachautor Michael Stuber ist überzeugt: "Unternehmen, die Diversity Management betreiben, haben erkannt, dass die Gesellschaft zunehmend heterogener wird. In den kommenden Jahren werden sich auch die Universitäten hierzulande mit den veränderten Rahmenbedingungen auseinandersetzen müssen."

Eine Hochschule, die das bereits erkannt hat, ist die Universität Essen-Duisburg, wo man insbesondere die Förderung von ausländischen Studentinnen zum Programm erklärt hat. "Die interkulturelle Erfahrung zahlreicher Studierender bildet eine Ressource, die bislang nicht als solche wahrgenommen wurde", sagt Suzana Scharlibbe. Das Essener "Mentoring Diversity" setzt darauf, dass Studentinnen mit Migrationshintergrund wie Lale Otyakmaz ihre interkulturelle und sprachliche Kompetenz für den Berufseinstieg nutzen können. Über Mentoren aus Unternehmen, Verbänden und Vereinen werden Kontakte hergestellt. Inzwischen gibt es ein Netzwerk, das den jungen Frauen hilft, ihre eigenen Stärken besser einschätzen zu können und somit Bewerbungsgespräche und Assessment-Center erfolgreich zu durchlaufen. Gleichzeitig soll dadurch der Ein- und Aufstieg von Frauen in Führungspositionen gefördert werden.

Auch einige andere Universitäten behandeln Diversity Management mittlerweile in Seminaren und Vorlesungen. Die Universität Witten-Herdecke startet voraussichtlich im September 2007 einen ersten Masterstudiengang zu Diversity Management in Europa. Und die Universität Wien ist die erste im deutschsprachigen Raum, die sich Diversity Management explizit auf die Fahnen geschrieben hat. Karoline Iber vom Rektorat der Universität Wien: "Wir haben Instrumente gesucht, die helfen, das enorme Potenzial an Vielfalt zu nutzen." Für amerikanische Universitäten sei es längst selbstverständlich, Maßnahmen zu ergreifen, um eine gute Zusammenarbeit unterschiedlicher Gruppen zu fördern und die Universitätskultur auf ihre Chancengleichheit zu hinterfragen. "Unsere Partneruniversitäten aus den USA haben uns immer wieder gefragt: Was macht ihr gegen Rassismus? Wie vermeidet ihr die Benachteiligung einzelner Gruppen?" Mit dem Webportal "Diversity Management" hat die Uni den ersten Schritt getan. "Je vielfältiger die Menschen sind, die an die Universität Wien kommen", so Karoline Iber, "desto kreativer und innovativer ihre Ideen und damit ihre Forschungen."

Diversity-Experte Michael Stuber betont: "Es kommt darauf an, die gestiegene Vielfalt zu nutzen und Lehrpläne so zu gestalten, dass sich alle Gruppen darin wiederfinden können." Das bedeute auch, Studieninhalte fächerübergreifend zu konzipieren. Schon früh sollten Studenten lernen, mit Kommilitonen anderer Fachrichtungen produktiv zusammenzuarbeiten.