"Wie Ethnologen aussehen? Eine Gruppe von zwölf Leuten sitzt Bongo und Gitarre spielend im Park. Lange Dreadlocks auf dem Kopf, darüber peruanische Strickmützen. So sehen Ethnologen aus. Fairerweise muss man allerdings zugeben, dass die Begeisterung am gemeinsamen weltmusizieren etwas abgenommen hat, und stattdessen Drum'n'Bass gewaltig auf dem Vormarsch ist. Doch auch dazu lässt sich das liebste Hobby des Ethnologiestudenten hervorragend ausüben: Capoeira tanzen.

Über dieses Thema können die angehenden Völkerkundler in ihren WG-Küchen bei Fair-Trade-Kaffee stundenlang referieren. Dabei strapazieren sie die Nerven ihrer Besucher mit einem in Endlosschleife laufenden Manu-Chao-Tape. Später geben sie dann an mit Fotos und Geschichten von der letzten Asienreise. Hier waren sie, dort waren sie. Alles war unglaublich intensiv und eindrucksvoll, die Menschen so natürlich, das Leben so viel entspannter. Im Klartext heißt das: Sie lagen kiffend am Strand. Ethnologen schwafeln halt gern.

Die zur Schau getragene Begeisterung für alles Nicht-Deutsche und die lautstarke Identifizierung mit Zielen der unterdrückten indigenen Bevölkerung Südamerikas ist allerdings nur selten Ausdruck von wahrem Interesse am Gegenstand des Fachs. Stattdessen wurde mit der Ethnologie lediglich ein Themenfeld gefunden, das möglichst weit weg liegt von der Realität des bürgerlichen Elternhauses. Hermann Hesse lesen hatte als Abgrenzung halt irgendwann nicht mehr gereicht.

Dass der gemeine Ethnologe nach seinem Studium in Richtung Venezuela aufbricht, um dort auf dem Land ein Praktikum in einem Dorfschulprojekt anzufangen, sollte deshalb auch nicht als Ausdruck von Menschenliebe aufgefasst werden. Sondern viel mehr als Möglichkeit, sich weiterhin vor der endgültigen Entscheidung zu drücken, was er mit seinem Leben irgendwann mal anfangen will."

Max (27), 9. Semester Politikwissenschaften, Tübingen

Aufgeschrieben von Moritz Honert .