Mittwoch, 17 Uhr, Kasino des Strafjustizgebäudes Hamburg: "Ich bin Arzt, ich passe gut auf Sie auf", sagt der Pathologe Dr. med. Hendrik Seifert und schenkt den 30 Jungjuristen und mir ein: Ouzo, Rotwein, tschechisches Bier. Heute wird gezecht, ohne dafür zu zahlen. Die Getränke werden finanziert durch die Bußgelder von Alkoholsündern. Neben mir sitzen Jungs in Poloshirts von Lacoste und Hilfiger, Mädchen mit Perlenohrringen. Wo bin ich hier bloß reingeraten? Ich nehme teil an einem organisierten Gelage, das Kultstatus unter Jurastudenten und Rechtsreferendaren hat: dem Trinktest des Bundes gegen Alkohol und Drogen im Straßenverkehr.

17.20 Uhr: Ich habe die ersten Ouzos intus – und lasse mir die gesetzlichen Promillegrenzen durch den Kopf gehen: Wer mit über 0,5 Promille Auto fährt, zahlt ein Ordnungsgeld, ab 1,1 Promille ist man fahruntüchtig. Wer es schafft, bei 3,3 Promille noch jemanden umzubringen, ist nach dem Gesetz schuldunfähig. Auf welchen Wert ich wohl kommen werde?

17.40 Uhr: "Die Leute sind betrunken viel sympathischer. Gerade bei Juristen fällt das auf", notiere ich den Ausspruch einer Referendarin. Sonst bleibt mein Schreibblock leer. Alkohol und Arbeitsmoral passen nicht zusammen.

Irgendwann zwischen 18 und 19 Uhr (wer notiert sich schon Uhrzeiten?) merke ich, dass ich meinen Block vermisse. Jemand anders hat ihn gefunden und liest vor: "Die Leute sind betrunken viel sympathischer." Ich rechtfertige mich: "Das ist doch nur ein Zitat, das kommt nicht von mir! Ich finde Juristen ganz toll, mein halber Freundeskreis besteht aus Juristen, ehrlich, mein Freund schreibt gerade seine Examenshausarbeit in Jura!" Das zieht. Sofort hängt eine Traube Mädels an mir: "Du Arme! Der ist jetzt bestimmt ganz unausstehlich. Aber der meint das nicht so. Das ist grad die schlimmste Zeit seines Lebens…" Jawohl, so sieht’s doch aus, ihr versteht mich wenigstens. Ihr und der Ouzo.

19.30 Uhr: Ein Typ mit struwweligen Haaren ist noch viel betrunkener als ich. Er erklärt mir: "Bei Männern ist das so indiskutabel reduziert, wenn die trinken. Sach mal objektiv: Hab’ ich mich schon fürchterlich benommen?" Na ja, vorhin, als du mit deinem Kumpel in einer obszönen Stellung für meine Kamera posiert hast… Aber reden wir nicht drüber.