Hey Kurt,
es fühlte sich klasse an damals, mit der Fresse im Dreck zu liegen. Ich war 15, und es war ein kalter Frühlingsabend im nordhessischen Bergland. Ein paar Freunde hatten ein Sportlerheim zum Partyraum umgebaut. An der Wand hingen Bilder von Uschi Disl und Wimpel von Bayern München. Als Smells Like Teen Spirit aus den Boxen dröhnte, fing die Menge an zu pogen. Uschi wackelte, die Bayern schwankten. Und irgendwann ging ich zu Boden. Selten hat mir etwas wieder so viel Spaß gemacht, weil meine Begeisterung für Deine Musik echt war. Unser Englisch war schlecht. Und natürlich verstanden wir nicht alles, was Ihr gesungen habt. Aber es gab einen Song, der absolut entscheidend war. Weil wir uns darin wiederzufinden glaubten: Come as you are, as you were, as I want you to be.

Wir wollten eine authentischere Welt, gleichzeitig mussten wir aber einsehen, dass die Markenpullis unserer Klassenkollegen bei den Mädchen besser ankamen als unsere Aldi-Sweater. Wir hassten jegliche Form von Verlogenheit, wussten aber nicht, wohin mit der großen Desillusion, die wir zugleich verspürten. Die Welt auf und um den Schulhof war nun mal anders, als wir sie uns vorstellen wollten.

Und dann kamt Ihr: drei Jungs aus einer glanzlosen Gegend, aus dem Nirgendwo von Nordwestamerika, die sich weigerten, das ganze Strahlemann-Kommerz-Geplänkel mitzumachen. Die sich aus dem Halb-Playback einer Liveshow ausklinkten. Die auf der Nevermind -Releaseparty nach einer Salatdressing-Schlacht von den Sicherheitsleuten der eigenen Plattenfirma rausgeschmissen wurden – weil keiner sie erkannte. Wir glaubten an Euch und lebten für einige Zeit in der Gewissheit, auf der richtigen Seite der Jugendkultur zu stehen.

Natürlich habe ich mittlerweile erfahren, dass auch um Euch herum viel inszeniert wurde. Kurt, Du sollst bis zu Deinem Tod systematisch auf Ruhm und Reichtum hingearbeitet haben. Deine Erben verdienen angeblich heute mit Dir besser als die von Elvis, Einstein und John Lennon. Deine Indie-Kollegen waren Dir angeblich scheißegal. Klar sollte ich jetzt empört sein. Irgendwie bin ich es auch, weil es der Verrat an allem ist, an was ich damals geglaubt habe. Aber letztlich ist es mir viel wichtiger, was Du mir gegeben hast.

Wenn ich heute auf meinem Bett liege und die alten Alben anhöre, transportieren die Gitarrenriffs immer noch dieselben Gefühle. Ich frage mich dann, wo die Inbrunst geblieben ist, mit der ich damals gegen all die Bösen dieser Welt gekämpft habe? Und die Furchtlosigkeit, mit der ich Niederlagen ins Auge gesehen habe? Eigentlich sollte alles wieder ein bisschen so wie damals mit 15 sein. Kurt, die Lage ist einfach: Es gibt keine Rocker mehr. Dabei brauchten wir sie so dringend!

Dein Sebastian Christ