Markus Diener ist 30 und macht in Heidelberg seine Facharztausbildung in Chirurgie. Bisher hatte er nur Platzwunden genäht, dann stand sein Name auf dem OP-Dienstplan.

Natürlich wird uns nach dem Studium nicht sofort ein Skalpell in die Hand gedrückt. Aber die Patienten sehen in einem trotzdem sofort den "Herrn Doktor". Dabei ist es für die meisten angehenden Chirurgen ein Schock, wenn sie vom Hörsaal in die Klinik wechseln: Es gibt so viel Stress, Leid, Belastung. Die Verantwortung ist ganz neu und schon so groß. Einiges davon kannte ich bereits. Als Zivi war ich Rettungssanitäter und bin auf Schicht mitgefahren. Trotzdem hatte ich am Anfang ein komisches Gefühl, wurde mir täglich neu bewusst, wie viel ich noch lernen muss.

Schließlich muss ich nach zwölf Semestern Uni noch mindestens fünf Jahre Klinikpraxis sammeln und Hunderte verschiedener Operationen durchführen, bis ich mich "Facharzt für Chirurgie" nennen darf. Anfangs durfte ich nur mal hie und da eine Platzwunde nähen, wenn überhaupt, sonst bei Operationen immer die Haken halten, bis die Hände schmerzten. Dabei beobachtete ich die erfahrenen Chirurgen ganz genau. Auf Griechisch bedeutet Chirurgie "handwerkliche Kunst". Und eine Kunst ist das Operieren wirklich. Die Instrumente wie Skalpelle, Scheren oder Klemmen sind trotz aller modernen Technik einfach geblieben, die Finger müssen schnell, die Augen gut sein. Zuerst glaubte ich: Das lerne ich nie! Nach einiger Zeit, als ich die Muster erkannte, dachte ich: Vielleicht könnte ich es doch lernen! Bald war ich überzeugt: Das will ich auch!

Irgendwann musste ich dann auch. Mein erster schwieriger Eingriff, bei dem ich ganz allein die Verantwortung trug, stand bevor. Ich war Stationsarzt in der Bauchchirurgie an der Uni-Klinik Heidelberg. 22 Betten. Geschwüre, Krebserkrankungen, Entzündungen – das ist dort Alltag. Mein Patient war nicht viel älter als ich. Er litt an einer chronischen Entzündung des Darms, seit Jahren schon; Medikamente halfen nicht, er hatte bereits mehrere gefährliche Darmverschlüsse hinter sich. Deshalb musste der betroffene Abschnitt dringend entfernt werden. Einen Tag vor der OP stand noch nicht fest, wer ihn operiert, also nahm ich ihm als Stationsarzt Blut ab, untersuchte ihn, fragte nach seiner Krankengeschichte. Er war sympathisch, gut informiert und wollte auch wissen: "Gibt es Risiken?" Oh ja, die gibt es. Wird der Darm nicht richtig zugenäht und entsteht dadurch eine undichte Stelle, kann das lebensgefährlich werden. "Bei der OP ist immer ein sehr erfahrener Oberarzt dabei", beschwichtigte ich ihn. "Heute Abend kommt dann noch der Operateur vorbei und redet mit Ihnen."

Nachmittags fand ich dann meinen Namen auf dem Dienstplan. Abends habe ich zu Hause den Operationsatlas zur Hand genommen, bin den Eingriff immer wieder aufs Neue Schritt für Schritt durchgegangen und habe nebenbei an einem Knotenbrett, das die Wundränder simuliert, das Nähen der Bauchdecke geübt. "Okay, morgen musst du das jetzt machen", sagte ich mir immer wieder.

Der Eingriff war auf acht Uhr angesetzt. Ich war schon früher da, wusch mir die Hände und stellte den Lieblingssender des Oberarztes am Radio ein. Kaum begann die Operation, war meine Nervosität plötzlich weg. Ich hörte das Radio nicht mehr, nur noch die Anweisungen des Oberarztes. Nachdem ich erst Haut, dann Fettgewebe und schließlich Muskulatur und Bindegewebe durchtrennt hatte, fand ich die kranke Stelle am Ende des Dünndarms. Ich trennte den Darm vom Bindegewebe, kappte die Verbindung zu den Blutgefäßen, entfernte das Stück und nähte alles wieder zusammen.