Die Lese-Elite: Germanistik
Was sie können (sollten): Lesen. Und schreiben. Das kann doch jeder? Möglich. Nur eben nicht im selben Umfang. "Germanisten sollen die ganze Bandbreite der deutschen Literatur und Sprache seit dem Mittelalter kennen, sie sollen eine Lese-Elite sein", sagt Georg Braungart, Professor für Neuere deutsche Literatur an der Universität Tübingen.
Wie sie das lernen: Indem sie lesen, lesen, lesen. Egal wo, egal wann. Germanisten sind Leute, die auf dem Parkplatz vor Ikea die Werbezettel dubioser Autoankäufer unter den Scheibenwischern eines fremden Volvos hervorziehen. Und dann völlig in der vergleichenden Lektüre versinken, während ihr Einkaufswagen sich selbstständig macht und samt neuem Bücherregal den Volvo rammt.
Was neu ist: Früher fragten sie: Was will uns der Autor eigentlich sagen? Die Botschaft des verehrten Dichters wurde sorgfältig aus seinem Werk extrahiert. Dann wurde der Leser hofiert. Doch die Groupie-Zeit der Germanistik ist lang vorbei. Heute gilt: Kein Text ohne Kontext – denn Lektüre hängt nicht nur vom Autor oder Leser ab, sondern auch von der Zeit, in der beide leben.
Woran sie gerade forschen: Wie Literatur die Forschung beeinflusst hat, etwa in der Medizin – und umgekehrt: Was lehrt uns die Naturwissenschaft über Schreiben und Sprache? Wie entsteht Sprache im Gehirn?
Wie sie die Welt retten: "Germanisten können den Klimawandel nicht aufhalten. Aber sie lösen Bildungs- und Kommunikationskatastrophen", sagt Braungart. Schön, dass es Menschen gibt, die bei "verbotene Liebe" nicht nur an Jan und Julia, sondern auch an Romeo und Julia denken.
Was sie lesen sollten: Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre, Wolf Lepenies: Kultur und Politik. Deutsche Geschichten, Max Wehrli: Allgemeine Literaturwissenschaft.
Womit man sie beeindruckt: "Du, Germanist, darf ich es wagen/Dir Job und Wohlstand anzutragen?"

Die Querdenker: Philosophie
Was sie können (sollten): Weiterdenken, wo andere nur wiederkäuen.
Wie sie das lernen: Sie stellen sich dumm. "Das hat schon Sokrates getan", sagt Matthias Lutz-Bachmann, Philosophie-Professor an der Uni Frankfurt. Als scheinbar Unwissende können sie so Fragen stellen, die ihre Gesprächspartner zum eigenständigen Denken anregen. Aber auch sie selbst geraten dadurch immer wieder ins Staunen – und laufen nicht Gefahr, ausgetretenen Pfaden zu folgen.
Was neu ist: Während die Philosophen zwischen Bibliothek und Studierstübchen pendelten, haben die Naturwissenschaftler die Welt auf den Kopf gestellt und das Genom entschlüsselt. "Das Selbstbild des Menschen wird radikal infrage gestellt", sagt Lutz-Bachmann. Jetzt sind die ersten Philosophen aufgewacht und schlagen neben Kants Kritik der reinen Vernunft auch Fachartikel in Nature und Science auf. Manche schleichen sich sogar in Ethikgremien ein und beraten die Politik.
Woran sie gerade forschen: Die Philosophie will sich einmischen, will greifbar werden. Angewandte Ethik ist daher ein Trendfach. Fragen zur embryonalen Stammzellforschung, zu Sterbehilfe und Patientenverfügung sind heiße Eisen, die Philosophen mutig anpacken.
Wie sie die Welt retten: "Handeln wir, oder handelt es in uns?", fragt Lutz-Bachmann. Philosophen erklären, warum wir nicht die Sklaven unserer Nervenzellen sind und uns immer noch für unsere Taten verantworten müssen.
Was sie lesen sollten: Ludwig Wittgenstein: Philosophische Untersuchungen, Jürgen Habermas: Kommunikatives Handeln, Paul Ricœur: Zeit und Erzählung.
Womit man sie beeindruckt: Indem man erklärt, man brauche überhaupt keinen gut bezahlten Job.

Die Völkerverständiger: Sinologie
Was sie können (sollten): Die Geschichte Chinas überblicken und vor allem: gut Chinesisch sprechen.
Wie sie das lernen: Sie entziffern altertümliche Weisheiten auf Bambusstangen, entschlüsseln den minimalistischen Gesten-Code der Peking-Opern und entspannen bei Kung-Fu-Filmen mit Jackie Chan. Aber nur in der Zeit, in der sie nicht im Sprachlabor an den Tonmelodien der chinesischen Sprache verzweifeln.
Was neu ist: Das digitale Zeitalter hat auch die Sinologen endlich erreicht: Dank des Internets dauert die Beschaffung von Quellentexten nun keine Wochen mehr, und Spracherkennungssysteme erleichtern das Einüben der chinesischen Aussprache.
Woran sie gerade forschen: Politischen Widerstand gibt es in China hauptsächlich in der Blogosphäre. Die deutschen Forscher lesen fleißig mit – und archivieren die Webseiten der Blogger, bevor die chinesische Regierung sie wieder dichtmacht.
Wie sie die Welt retten: Indem sie uns einen großen Teil davon erklären: Ein Fünftel der Menschheit spricht Chinesisch; wir aber verstehen nur Bahnhof. "Was die Kultur der Chinesen angeht, haben wir riesigen Nachholbedarf", sagt Barbara Mittler, Sinologin an der Uni Heidelberg. "Deswegen gehören Sinologen in die Öffentlichkeit, an Volkshochschulen und ins Amt für politische Bildung." Wie schon Konfuzius sagte: "Das Entscheidende am Wissen ist, dass man es beherzigt und anwendet."
Was sie lesen sollten: Die Gespräche des Konfuzius, Lu Xun: Das Tagebuch eines Verrückten, Kommunistische Partei Chinas: Die Resolution über einige Fragen in unserer Parteigeschichte von 1981.
Womit man sie beeindruckt: Wenn man Ortsnamen wie Xi’an, Chongqing und Shuangfeng richtig aussprechen kann.

Die Unangepassten: Kulturwissenschaft
Was sie können (sollten): Zusammenhänge finden, wo niemand sonst auf die Idee käme, überhaupt danach zu suchen. Und das mit Erfolg: Denn mit einer kreativen Mischung aus Epikur, einer viktorianischen Gruselgeschichte und italienischer Romanhandlung gelingt sogar eine schlüssige Interpretation von David Lynchs Mulholland Drive – so zu hören bei "24-Stunden-Kulturwissenschaft", einer wissenschaftlichen Protestveranstaltung an der Humboldt-Universität in Berlin.
Wie sie das lernen: Indem sie ihre Nasen in alles stecken: Wer nach mehreren Jahren Studium immer noch keine allgemeingültige Definition des Begriffes Kultur liefern kann, muss sich in die Breite flüchten. Interdisziplinarität ist daher eigentlich das Einzige, worauf sich alle Kulturwissenschaftler einigen können. Dabei verlassen sie vorgegebene Wege, ohne sich um die Grenzen zwischen den einzelnen geisteswissenschaftlichen Hoheitsgebieten zu kümmern – was nicht selten zu Revierkämpfen mit den betroffenen Fächern führt.
Was neu ist: Kultur ist nicht nur, was im Museum hängt. Rituale, Lebensstile oder Verhaltensmuster – alles prägt das Leben in einer Gesellschaft. Da fällt es den Kulturwissenschaftlern schwer, eine Auswahl zu treffen. Die Forschung ist sprunghaft – und konzentriert sich nur für kurze Zeit auf einen Aspekt, bevor sie zum nächsten wandert: linguistic oder iconicturn – bestimmt die Sprache die Wirklichkeit, oder sind es die Bilder? Nach der Wende ist immer vor der Wende. Die junge Wissenschaft erfindet sich ständig neu.
Woran sie gerade forschen: An dem, was bei allem Wandel bleibt: der Erinnerung. Denn nicht nur einzelne Menschen, auch Nationen und Kulturen besitzen ein Gedächtnis: Sie speichern vieles, vergessen aber auch oder verdrängen – die Gründe hierfür kennt die Kulturwissenschaft.
Wie sie die Welt retten: Indem sie die Kultur von ihrem hohen Sockel stoßen und bequeme, aber falsche Erklärungsversuche zerpflücken. "Viele Kulturwissenschaftler sind sich darin einig, dass das, was uns heute als Kultur- oder Religionskonflikt präsentiert wird, in Wahrheit soziale und ökonomische Ursachen hat", sagt Thomas Hausschild, Professor für Ethnologie an der Uni Tübingen und Fellow am Wissenschaftskolleg Berlin.
Was sie lesen sollten: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation, Anthony Giddens: The Consequences of Modernity, Clifford Geertz: Dichte Beschreibung. Beiträge zum Verstehen kultureller Systeme.
Womit man sie beeindruckt: "Ey, ich hab Problem von Sprache in Postmoderne gelöst. Lass reden!"

Die Weltversteher: Geschichte
Was sie können (sollten):Zurückschauen. Und die Vergangenheit aus heutiger Sicht deuten. "Sie sollen sich vor allem über die historische Bedingtheit aller Kulturphänomene im Klaren sein", sagt Barbara Stollberg-Rilinger, Leibniz-Preisträgerin und Professorin an der Uni Münster.
Wie sie das lernen: Sie studieren die Memoiren selbstherrlicher Cäsaren, schnüffeln in Klostervorratsverzeichnissen, diskutieren die Flugblätter der Französischen Revolution und deuten die verschmierten Graffiti an den Überresten der Berliner Mauer.
Was neu ist:Der Blick über Deutschland hinaus, und zwar nicht nur nach Europa, sondern auch nach Asien und Afrika. "Früher bestanden etwa drei Viertel des Studiums aus der deutschen Geschichte, heute weniger als die Hälfte", sagt etwa Ulrich Herbert, Mitglied des Wissenschaftsrates und Professor an der Uni Freiburg.
Woran sie gerade forschen:Früher interessierten Historiker sich vor allem für große Staatsmänner. Dann entdeckten sie den kleinen Mann für sich. Später auch die kleine Frau. Heute wenden sie sich der ganzen Menschheit zu, mit all ihren kulturellen und sozialen Unterschieden – auf der Suche nach den "Wurzeln der Globalisierung", wie es Paul Nolte, Professor an der Freien Universität Berlin, ausdrückt.
Wie sie die Welt retten:Indem sie uns daran erinnern, dass uns die Geschichte geprägt hat. Schließlich ist sie "kein abgeschlossenes Paket, sondern eine real existierende Tradition", sagt Nolte. "Die amerikanische Politik im Nahen Osten ist ein Beispiel dafür, was passiert, wenn die historische Beratung unzureichend war", sagt Ulrich Herbert.
Was sie lesen sollten: Carlo Ginzburg: Der Käse und die Würmer. Die Welt eines Müllers um 1600, Eric J. Hobsbawm: Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts, Thomas Nipperdey: Deutsche Geschichte 1800–1918.
Womit man sie beeindruckt: Wenn man sie bittet, beim Reenactment der Schlacht von Gettysburg doch bitte den Südstaatengeneral RobertE.Lee darzustellen.

Die Terrorbekämpfer: Politikwissenschaft
Was sie können (sollten): Die Mechanismen der Macht durchschauen und uns erklären. Politikwissenschaftler kennen die Visionen von Karl Marx, Jean-Jacques Rousseau und John Rawls und verstehen die Ränkespiele der Diplomatie.
Wie sie das lernen: Sie lesen nicht nur die Zeitung, sondern auch die philosophischen und politischen Manifeste der letzten 2000 Jahre. Seminarräume verwandeln sie in das UN-Hauptquartier und spielen Vollversammlung und Sicherheitsrat.
Was neu ist: Der Kalte Krieg ist vorbei – und damit auch die goldene Zeit des Nationalstaates. Die Angst vor der Bombe schüren nun nicht mehr allein wahnsinnige Staatsherren, sondern auch Terroristen und "Freiheitskämpfer".
Woran sie gerade forschen: "An der Auflösung der klaren Grenzen zwischen innen und außen", sagt Michael Zürn, Direktor der Abteilung "Transnationale Konflikte und Internationale Institutionen" des Wissenschaftszentrums Berlin und Dekan der Hertie School of Governance. Was das heißt? In einer globalisierten Welt ist die alte Rollenverteilung zwischen regulierenden Instanzen und zu regulierenden Akteuren passé. Um politische Macht ringen nicht mehr ausschließlich die Regierungen der unterschiedlichen Nationen, denn multinationale Unternehmen spielen nach ihren eigenen Regeln.
Wie sie die Welt retten: Sie bekämpfen Terroristen mit Theorien. Und machen Vorschläge, die nicht allein auf Wählerstimmen zielen. Ob die dann entsprechend umgesetzt werden, ist allerdings eine andere Frage. "Auch die Moderne braucht ihre Demut", sagt Stephan Leibfried, Sprecher des Sonderforschungsbereiches "Staatlichkeit im Wandel" an der Uni Bremen. "Wir müssen den demokratischen Willensbildungsprozess akzeptieren, auch wenn er oft nicht das gewünschte, ›rationale‹ Ergebnis zeitigt."
Was sie lesen sollten: Alexis de Tocqueville: Über die Demokratie in Amerika, Gøsta Esping-Andersen: The Three Worlds of Welfare Capitalism, Robert O. Keohane/ Joseph S. Nye: Power and Interdependence. World Politics in Transition.
Womit man sie beeindruckt: "Mister Bond, übernehmen Sie. Retten Sie die Welt."

Zum Thema
Geist der Wissenschaft -
Aktuelle Beiträge zum Jahr der Geisteswissenschaften "

Konstruktivist oder Existenzialist? Fünf Theorien erklären die Geisteswissenschaften. Welcher stimmen Sie zu? "