Noch 200.000 Stunden frei verfügbare Zeit hat der Mensch. Wie holt man da das Maximum raus? Die Ratgeber empfehlen: Grabrede schreiben und mit 20 Prozent der Energie 80 Prozent der Arbeit erledigen.

Neulich las ich in einem Buch: "Auch bei einer höheren Lebenserwartung verfügen Sie nur noch über etwa 200000 Stunden verplanbarer Zeit." Seither blickt mir morgens aus dem Badezimmerspiegel eine Frau entgegen, die wie eine Schwester von Keith Richards aussieht. Mit zitterndem Finger zeigt sie auf mich und flüstert: "Irgendwas ist hinter dir her und will dich mit riesigen Uhrzeigern erstechen…"

Der Mensch hat ein angeborenes Zeitproblem. Man kann versuchen, es zu verdrängen – wie die Leute, die dann in langen Supermarktschlangen plötzlich Rammstein-Texte herausschreien. Man kann pragmatisch reagieren und sich bei den Buddhisten zur Wiedergeburt anmelden. Ich persönlich tat, was Menschen meistens tun, wenn überlegtes Handeln gefragt ist: Ich wurde panisch. Und schlug eilig in ein paar Zeitmanagement-Büchern nach, wie man das Maximum aus seinen 200000 Stunden herausholt.

Der ehemalige US-Präsident Eisenhower, las ich zunächst, soll bei jeder Aufgabe gefragt haben, ob sie dringend oder wichtig sei. Arbeiten, auf die beides zutraf, erledigte er sofort; wichtige plante er gleichzeitig, was nur dringend war, delegierte er – der Rest fiel weg. Vermutlich hatte Eisenhower sich vor diesen Maßnahmen jeden Abend geärgert, weil er vor lauter Papierkram nicht dazu gekommen war, den Kommunismus zu bekämpfen. Irgendwann entwickelte er schließlich seine Zeitmanagement-Methode: UdSSR – dringend und wichtig! Höchste Priorität!

Schwieriger als der Kalte Krieg, überlegte ich, dürfte mein Leben auch nicht zu managen sein. Und wandte mich schon etwas beruhigt dem Ökonomen Vilfredo Pareto zu. Mit zwanzig Prozent der eingesetzten Energie und Zeit, fand er heraus, erzeuge man meist achtzig Prozent der Ergebnisse. Tolle Sache, rechnete ich jetzt: Wenn ich mich auf die wesentlichen zwanzig Prozent konzentriere, putze ich meine Wohnung in 15 Minuten; verarbeite Liebeskummer in zwei Wochen. In acht Jahren bin ich im Job mit allem durch – und habe Kapazitäten für karitative Projekte frei: Stundensammeln für Momo zum Beispiel. Entzugsberatung für Zeitmanager mit Dauer-Geschwindigkeitsrausch. Vorträge zum Thema: "Sanduhr verstopft – was tun?"

Derart ermutigt, las ich zuletzt noch einen Tipp des Managementberaters Stephen Covey: Überlegen Sie, was in Ihrer eigenen Grabrede vorkommen sollte! Richten Sie Ihr Leben entsprechend ein! Ich erstellte die Rede und vorsichtshalber auch mein Leichenschmausmenü; dann legte ich mich beruhigt schlafen.