Jens Jessen über Phänomene des Berufsalltags. Diesmal: Die Konferenz

Die Konferenz, dummdeutsch auch "Meeting" genannt , gehört zu den Einrichtungen des Arbeitslebens, die dem Studenten sofort bekannt vorkommen werden. Sie hat mit dem Seminar, der Projektgruppe oder dem Doktorandenkolloquium vor allem die Dominanz des naiven Vielschwätzers gemeinsam.

Es ist eine traurige Wahrheit , aber dieser Typus, der zum ersten Mal in der Schule mit seinen vorlauten Unterrichtsbeiträgen auffällt, begleitet uns ein Leben lang. Er ist ein notwendiges Übel: Denn einen muss es geben, der das Schweigen bricht. Das können nicht die intelligenten Kollegen sein, die bis zu dem verzwickten Grund eines Problemes vorgedrungen sind. Mitten in das bedrückte Konferenzschweigen hineinquatschen können nur die, deren Selbstbewusstsein von keinerlei Sachkenntnis getrübt wird. Wenn eine allzu intelligente Personalpolitik die Rekrutierung solcher Kollegen verhindert, muss der Chef die Rolle des Dummen übernehmen, was er gewiss nicht gerne tut – es sei denn, er ist genau der Typ, der uns schon in der Schule auf die Nerven ging.

Trotzdem sei davor gewarnt , zur Chefentlastung die Rolle des Schwätzers zu übernehmen – die Kollegen werden ihn hassen und bei jeder Wortmeldung seufzen, falls er sich nicht in die unmittelbar benachbarte Rolle des Clowns und Spaßmachers rettet. Diese Clowns gibt es auch in jeder Schule, jedem Seminar, jeder Firma. Sie sind wahrscheinlich das Kostbarste, was uns das Leben überhaupt bieten kann. Aber Gehaltserhöhungen gibt es für sie nicht; denn sie sind es, die auch gegebenenfalls darauf hinweisen müssen, dass der Kaiser (sprich der Chef) nackt ist.

Jens Jessen ist Feuilleton-Chef der ZEIT.

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