Wenn Louisa Frey , 22, von ihrem Masterstudiengang "Internationale Beziehungen" erzählt, gerät sie ins Schwärmen: Die Politikwissenschaftlerin kann aus einer Fülle von Veranstaltungen auswählen, ein Drittel ihrer Mitstudenten kommt aus dem Ausland, aus Japan und den USA, Russland und Frankreich; die Hälfte der Seminare findet auf Englisch statt. Rund um die Uhr können Louisa und ihre 29 Kommilitonen eine Mitarbeiterin anrufen, die sie bei Stipendien und Auslandsprogrammen berät. Bis zu dreimal täglich erhält sie Einladungen zu exklusiven Veranstaltungen. Begrüßt wurden die neuen Studenten im vergangenen Oktober von Gernot Erler, dem Staatsminister im Auswärtigen Amt, bei ihren Vorgängern schaute gelegentlich sogar der damalige Außenminister Joschka Fischer vorbei und lud die Studenten zu sich ins Amt ein.

Von solchen Studienbedingungen kann David Hachfeld, 27, nur träumen. Er studiert im 13. Semester Politikwissenschaft auf Diplom, engagiert sich im Asta und schreibt gerade seine Diplomarbeit über die "Privatisierung von Dienstleistungen". An seinem Institut hocken die Studenten auf Fensterbänken und Heizkörpern, mit dem Schreibblock auf den Knien. Manchmal finden die Veranstaltungen auch in Containern statt, die auf einer Wiese aufgestellt sind; im Sommer ist es dort unerträglich heiß, im Winter eiskalt. Der Platz ist das eine Problem, das andere ist, dass in den vergangenen Jahren die Zahl der Lehrstühle fast halbiert wurde, viele Seminare werden jetzt von Dozenten statt von Professoren angeboten. Insgesamt 2500 Studenten hat das Institut; individuelle Betreuung und Beratung sind unter diesen Bedingungen kaum noch möglich.

Wenn Louisa von ihrem Studium erzählt , denkt man an Harvard, Cambridge, Princeton. Wenn David von seinem Studium erzählt, denkt man an eine beliebige deutsche Massenuniversität. Doch beide lernen in demselben dreigeschossigen Zweckbau im Berliner Bezirk Dahlem: Sie sind beide am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität eingeschrieben, mit fast 40 000 Studenten eine der größten Hochschulen Deutschlands. Der Unterschied: Louisa studiert in einem exklusiven Masterstudiengang, für den sie und ihre 29 Kommilitonen unter 300 internationalen Bewerbern ausgewählt wurden. David studiert im regulären Diplomstudiengang, für den, zusammen mit dem parallel laufenden Bachelorstudiengang, rund 320 Erstsemester im Jahr zugelassen werden.

Die unterschiedliche Situation der beiden Studenten an der Freien Universität zeigt im Kleinen, wie sich die Hochschulen in Deutschland derzeit wandeln. "Exzellenz", "Elite" und "Auswahl" heißen die Schlagwörter, und es scheint, als sei mit einem Mal der vormals verpönte Begriff Elite rehabilitiert. Diese Entwicklungen verändern den Alltag an den Unis, doch vor allem verändern sie das Bewusstsein der Professoren und der Studenten - und entfalten so eine enorme symbolische Strahlkraft. Als wachsende Ungleichheit nehmen viele Studenten diese Neuerungen wahr. Bei den einen nähren sie den Wunsch, vorne mit dabei zu sein - und bei den anderen die Angst, abgehängt zu werden. Die einen hoffen, in besonderen Studiengängen auch besonders gut gefördert zu werden. Die anderen fürchten, an einer Hochschule ohne Elite-Stempel abgemeldet zu sein. Alle zusammen jedoch stellen sich die grundlegende Frage: Reicht es eigentlich noch aus, ganz normal an einer ganz normalen Uni zu studieren?

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