Morgens, halb elf, an der Uni Bonn.Einige Erstsemester sitzen auf Tischen vor dem Vorlesungsraum und reden. Sie kennen sich seit ein paar Monaten. Gesprächsthemen sind Beziehungen, der Notendurchschnitt im Abitur, das vergangene Wochenende und die Familie. "Vermisst ihr eure Familien?", fragt ein Mädchen. Ein anderes antwortet: "Ich eigentlich gar nicht. Hatte ein superschlechtes Verhältnis zu meinen Eltern. Mache deswegen auch eine Therapie."

Später stellt sich heraus: Jeder Vierte hat hier schon mal eine Therapie gemacht und tauscht sich hier nun über die Wirkung aus. Die meisten erhoffen sich wieder Freude am Leben, keine Angst vor dem morgendlichen Aufstehen, mehr Kontrolle über ihre Emotionen und "dass die Traurigkeit endlich aufhört". Eine Gruppe von Individualisten? Von Scheidungskindern? Von überforderten Studenten? Zumindest eine Gruppe typischer junger Menschen. Denn die sind auch, unabhängig vom Studentenstatus, unter den Menschen mit psychischen Problemen überrepräsentiert. "Menschen unter 30 werden häufiger wegen psychischer Probleme krankgeschrieben als alle anderen Altersgruppen", sagt Mathias Berger, Direktor der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie an der Uniklinik Freiburg.

Laut einer Erhebung der Krankenkasse DAK unter ihren eigenen Mitgliedern leidet bei den Männern die Altersgruppe der 25- bis 29-Jährigen am häufigsten unter psychischen Problemen, sie liegt 19 Prozent über dem Durchschnitt beider Geschlechter; sogar über dem Durchschnitt der gleichaltrigen Frauen. Besonders häufig treten auch psychische Probleme bei 20- bis 24-jährigen Frauen auf. Und die Zahl derer, die eine Therapie beginnen, steigt von Jahr zu Jahr: Heute suchen 1,7-mal mehr DAK-Versicherte einen Psychologen auf als noch vor sieben Jahren. Beinahe jeder sechste Student hat laut der 17. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerkes psychische Probleme, unter den Studentinnen sogar jede fünfte. Die Hälfte dieser Studenten mit psychischen Problemen suchte einen Psychologen außerhalb der studentischen Beratungsstellen auf, heißt es in der Studie. Allein die Psychologen des Studentenwerkes haben im vergangenen Jahr 130000-mal Hilfesuchende an den Hochschulen beraten; ein Jahr davor fanden noch 20000 Beratungen weniger statt. Einsamkeit, Orientierungslosigkeit, Perspektivlosigkeit – das sind Dauerbrenner in den Beratungsstellen der Hochschulen, aber die Sozialarbeiterin Hildegard Dietrich von der Universität Mainz hat einen neuen Trend erkannt: Der Tunnelblick auf die Leistung, der sei erst in den letzten Jahren neu hinzugekommen. "Immer mehr machen, durchs Studium rennen, gute Noten schreiben. Die Studenten kennen die Anforderungen des Arbeitsmarktes und wollen sie erfüllen", sagt Dietrich.

Die Kommilitonen reagieren mit Humor auf ihr Gespräch auf dem Gang. Ein paar haben sich der Gruppe Bonner Psychos des Internet-Portals StudiVZ angeschlossen, in der eigentlich Psychologiestudenten Infos austauschen und nicht Politikstudenten ihren Seelenzustand besprechen. Die Comicfigur "Emily the Strange", die depressive Antwort auf die niedliche Katze "Hello Kitty", ist ihr Markenzeichen. Emily ist ein dünnes Mädchen mit schwarzen Haaren und dunklen Augenringen. Die Kleiderkollektion mit ihrem Konterfei verkauft sich bestens. Lieber ein bisschen strange als normal, so lautet die Devise. Koketterie statt Scham – der Umgang mit einem psychischen Defizit hat sich geändert. Ein Tabu sieht auch Psychoanalytikerin Gertraud O’Connor, die beim Studentenwerk München arbeitet, nicht mehr: "Die Stigmatisierung ist vorbei. Viele kommen auch mit Freunden in die Beratung." Die warten dann vor der Tür und erfahren nach der Sitzung direkt die neusten Erkenntnisse. Warum das so ist? "Auch weil Prominente wie Sebastian Deisler oder Robbie Williams so offen damit umgehen", sagt der Freiburger Professor Mathias Berger.

Am Anfang war es für die 22 Jahre alte Germanistikstudentin Tatjana* so etwas wie ein Running Gag gewesen. Nach jedem mehr oder weniger aufreibenden Erlebnis stellten ihre Freundinnen ihr die gleiche Frage: "Und, was sagt der Psychologe dazu?" Zu Beginn ihrer Therapie gab Tatjana nur ein schnippisches "So was erzähl ich dem doch nicht" zurück. Inzwischen ist der Witz Realität geworden, denn tatsächlich bespricht Tatjana alles mit ihrem Psychologen: Warum hat sie neulich in der Vorlesung so weinen müssen? Warum konnte ihr Exfreund ihr gegenüber nie ehrlich sein? Warum hat sie auf das Lob ihres Vater so emotional reagiert? Die Therapie hat Tatjana vor einem Jahr angefangen, wenige Wochen nach dem Tag, als sie das erste Mal durch eine Germanistikklausur gefallen ist. Für sie sei das ein Zeichen gewesen, erzählt sie heute. Ein Zeichen dafür, dass alles von einem Moment auf den anderen auch schief gehen könnte: das Studium, der Job, die Beziehung, das Leben.

Tatjana bekam von der Krankenkasse nur eine Kurztherapie à 20 Stunden zugestanden, inzwischen zahlt sie die Gespräche selbst. "Ich will einfach viele Sachen mal erzählen", sagt sie. Das schwierige Verhältnis zum Vater, ihre Aggressionen, der Streit mit den Kollegen – alles, was sie beim Wein mit ihren Freundinnen bequatscht, ist auch beim Therapeuten ein Thema. Dass es ihr mit zwei gesunden Elternteilen, die überdies noch zusammenleben, einer monatlichen Unterstützung von 800 Euro und einem Job in einer Event-Agentur nicht schlecht geht, das sagt sie selbst. Die Therapie bleibt ein wichtiger Termin in ihrem Planer, zwischen Sonnenstudio und Vorlesung.

Dass es eine gewisse "Überängstlichkeit" in der Altersgruppe der 18- bis 26-Jährigen gibt, sagt auch die Psychoanalytikerin Gertraud O’Connor. "Kaum funktioniert etwas nicht mehr, wie man es gewohnt war, soll das Problem sofort wieder behoben werden." Der Therapeut ist ein Dienstleister wie ein Friseur. Hingehen, reden und direkt wieder voll lospowern. Zu ihr kämen Studenten häufig nur wenige Tage vor der entscheidenden Klausur und brächen dann völlig zusammen.