Wer Forschungsgelder kriegen will, muss in Anträgen mit Fachwörtern um sich schmeißen. Das frisst die Zeit, in der man eigentlich forschen könnte, meint Kolumnist und Professor Fritz Breithaupt.

Der Professor schlich frühmorgens ins Institut. Das war sonst nicht seine Art. Im Geschäftszimmer redete er auch nicht wie gewohnt mit den Sekretären, und die Bürotür zog er sofort hinter sich zu. Die Nachrichten von der Deutschen Forschungsgemeinschaft waren eingegangen: Sein Antrag auf ein Exzellenzcluster war abgelehnt worden. Natürlich war es nicht allein sein Antrag. Zwei Fachbereiche hingen dran, und neun Lehrstühle hatten mitgebastelt. Das Dekanat und das Präsidium hatten ihre Segensworte dazugegeben. Und er, nennen wir ihn Karl Schreiber, hatte den besten Teil eines Jahres in den Antrag gesteckt. Er wusste, dass sie die Millionen hätten kriegen können. Es konnte nur am Ton gelegen haben. Exzellenz ist, dass man von Exzellenz redet. Vielleicht hatte er da ein paar kleine Chancen des Selbstlobs verpasst.

Obwohl oder auch weil er deprimiert war , hatte er sich vorgenommen, heute an einem Aufsatz zu arbeiten. Das hatte er lange nicht gekonnt. Er tippte. Plötzlich musste er, trotz allem, grinsen, als er las, was er geschrieben hatte. Das klang nach Antragsprosa: "Eröffnet wird ein transdisziplinärer Diskursraum", es gehe um "genderneutrales Management von Soft Skills", man brauche "transparenzorientierte Didaktik". Diesen Schmarrn konnte er sich jetzt wieder abgewöhnen.

Da klopfte es zaghaft . Studenten tauchten vor zehn eigentlich selten auf. Er öffnete die Tür. Da standen sie alle, Kollegin Anna Schnitzler, Harro, seine beiden Assistenten. Anna schob sich sofort in die Tür. Karl sah die Sektflasche in der Hand von Harro. Hatten die die Nachrichten womöglich nicht richtig gelesen? Der Antrag auf das Exzellenzcluster war doch abgelehnt worden! "Mensch, Karl, wir sind frei!", sagte Anna da. "Was meinst du?", konnte er nur stammeln. Seine Assistenten trugen feierlich ein großes, bunt verpacktes Geschenk ins Zimmer. Er musste es öffnen, während Harro mit dem Korken auf seine Lampe zielte. Ein schwarzer Holzkasten kam zum Vorschein, auf dem mit großen Buchstaben "Exzellenzkiste" stand. "Geld ist keines drin, aber viel Platz für Ideen", erklärte Anna. "Heute wird gefeiert, aber ab morgen können wir wieder forschen. Die anderen müssen jetzt verwalten."

Anna zeigt eine Konsequenz auf , die vielen Protagonisten von Elite-Unis und Exzellenzclustern noch nicht klar ist. Die deutschen Forschungsgelder werden nicht mehr gleichmäßig verteilt. Stellen werden nicht mehr nach rein akademischen und disziplinären Gesichtspunkten besetzt. Eingestellt wird vielmehr, wer die Chancen auf künftige Gelder für ein Institut vergrößert. Es zählen jetzt die kurzfristig heißen Themen, nicht der lange Atem. Fest steht, dass viele deutsche Forscher zu Geldeinwerbern und zu Verwaltern von Finanzmitteln werden. Aber wer die Gewinner sind, steht noch aus.

Professor Fritz Breithaupt, 39, lästert in ZEIT CAMPUS regelmäßig über seine Zunft. Er lehrte Germanistik in Hamburg, Mannheim und an der FU Berlin und arbeitet nun an der Indiana University in Bloomington, USA.

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