Meine Wunschseminare sind schon belegt, mein Kaninchen hat Übergewicht, und meine Freundinnen machen ein Auslandssemester. Diverse Kleinkämpfe mit den Eltern und die geschwänzte Yogastunde vom Dienstag tun das Übrige: Meine Aggressionen wollen raus. Ich nerve die Kassiererin im Supermarkt und remple in der U-Bahn fremde Leute an. Für diesen Freitag, den letzten Tag vorm Wochenende, habe ich mir deshalb eine Dosis 68er im Anfangsstadium verordnet: absolute Gewaltfreiheit. Keine Tätlichkeiten, kein Gezeter. Ich plane, mich nicht aufregen zu lassen und stets friedlich zu reagieren. Lieber mal ein Peace-Zeichen zeigen, als direkt wieder den Mittelfinger auszustrecken.

Der Tag ohne Ausraster beginnt – denkbar ungünstig – mit einer großen Herausforderung für meine Geduld: eine Fahrscheinkontrolle im Zug zur Uni nach Bonn. Mit der Wahrheit, nämlich dass mein neues Semesterticket schlicht noch nicht bei mir angekommen ist, habe ich in den vergangenen Tagen nicht überzeugen können und bin darüber ständig in Rage geraten. Heute bin ich 68erin und freue mich riesig auf eine sachliche Diskussion über Sinn und Unsinn von Bußgeldern im Speziellen und Bestrafungen im Allgemeinen.

Aber der Kontrolleur will nicht meckern. "Bitte kümmern Sie sich bald um Ihr Ticket", sagt er. Mehr nicht. Mit so einem kann ich doch nicht über Autoritäten diskutieren, geschweige denn wirklich wichtige Themen wie Orgasmus und Weltrevolution ansprechen. Egal, ich habe Zeit und warte auf eine passende Gelegenheit für meine Argumente. Doch der Tag verläuft ruhig. Keine "Ihr endet eh alle als Taxifahrer"-Sprüche mehr von den Professoren, kein Rosenkohl in der Mensa, kein Assi-Gebaren im Zug zurück nach Hause.

Am Abend bin ich mit zwei Freundinnen vor dem Rose Club in Köln verabredet. Miri und Sarah in Pailletten-Blusen, ich mit XL-Hendrix-Shirt. Der Türsteher lässt mich trotzdem rein.

Vier Stunden später soll ich wieder raus, weil ich angeblich ein paar Kölschgläser umgeschmissen habe. Ein anderer Türsteher hat mich im Visier. "Komm sofort mit", sagt er. Ich beginne mein Plädoyer für eine Welt ohne Hass und Missgunst. "Raus jetzt hier", meckert er. Er will mich am Arm packen. Ein Teelicht, meinen letzten Trumpf in Sachen gewaltloser Protest, hab ich an der Garderobe abgeben – was für ein Anfängerfehler! Zeit für die letzte Konsequenz. Ich sacke langsam gen Boden. Diese Reaktion auf einen angedrohten Rausschmiss kennt er nicht. "Was soll das?", fragt er, zieht mich hoch und will mich vor die Tür schieben. "Sitzstreik", antworte ich. Er hält offenbar nicht viel von den Idealen der 68er und drängelt mich ruppig vor sich her. Ich gebe auf. Für die Autoritäten-Debatte habe ich keine Kraft mehr. Aber ein simples Schimpfwort geht immer.

Lara Fritzsche, 23, studiert im zweiten Semester Psychologie in Bonn. Sie lebt in Köln. Für ZEIT CAMPUS begibt sie sich regelmäßig auf die Spuren der sagenhaften 68er – im Wechsel mit Christian Bangel, 28, der im 13. Semester Geschichte, Politik und Ethnologie in Hamburg studiert