Neben dem Studium hat Thorsten Abel, 31, eine Personalberatungsfirma aufgebaut. Er hatte sechs Mitarbeiter, doch dann feuerte er einen – ausgerechnet kurz nach Weihnachten

Er hieß Markus*, und ich entließ ihn kurz nach Weihnachten. Ich sagte es ihm am Telefon. Und zwar nach Weihnachten, um ihm nicht die Festtage zu ruinieren. Aber vor Neujahr, um ihm nicht noch ein ganzes Monatsgehalt zahlen zu müssen – das ist der Konflikt zwischen Menschlichem und Geschäftlichem, der mir zu denken gibt.

Es kribbelte ein wenig in der Magengegend, als ich Markus’ Nummer wählte. Wohl auch, weil er ein vierzigjähriger Jurist war und ich ein junger Anglistikstudent. Aber ich bin der Chef und er der Angestellte. Ich habe einige Jahr gebraucht, um in diese Rolle reinzuwachsen. Anfangs kam ich mir vor wie ein Hochstapler, wenn ich morgens meinen Anzug anzog und älter tat, als ich eigentlich war. Viele meiner Freunde sind noch Studenten, manche machen gerade ein Praktikum. Sie wissen nicht, wie das ist, der Chef zu sein! Es ist anstrengend. Man darf seine Mitarbeiter nicht nur loben, man muss sie auch kritisieren, wenn sie schlecht arbeiten, und man muss es aushalten, dafür nicht gemocht zu werden. Manche Chefs verstecken ihre Unsicherheit hinter lauten Sprüchen und Imponiergehabe, das wirkt unsouverän und peinlich. Ich rede mit meinen Mitarbeitern lieber ganz normal, wie ein Kumpel.

Markus nahm den Hörer ab. Ich sagte: "Hallo, Markus." Er sagte: "Mensch, Thorsten, hallo!" Und: "Fröhliche Weihnachten!" Da tat er mir leid. Ich wünschte ihm ein frohes Fest und sagte geradeheraus, dass wir beschlossen hätten, ihn zu entlassen, weil wir durch ihn Geld verlören, und dass er das verstehen müsse. Und während ich ihm das erklärte, saß mein Geschäftspartner neben mir auf dem Sofa und spielte Playstation. Wir fanden das irgendwie cool, jemanden zu feuern und dabei ein Autorennen zu zocken. Mit dem Controller in der Hand sagten wir Markus, was wir dachten: dass wir es uns als kleines Unternehmen nicht leisten können, jemanden mitzutragen, der keine Leistung bringt.

Er widersprach, stritt mit uns, eine ganze Stunde lang. Am Ende verboten wir ihm, das Büro noch einmal zu betreten, denn einem Mitarbeiter, von dem man sich im Streit trennt, darf man nicht mehr vertrauen. Und damit war unser Telefonat beendet.

Was konnte ich mehr sagen? Die Arbeitswelt ist härter als das Studentenleben, jeder sucht seinen Vorteil – besonders in unserem Geschäft: Wir sind Headhunter, das heißt, wir beraten Firmen bei Personalentscheidungen. Wenn ein Unternehmen einen neuen Vorstand sucht, finden wir in Konkurrenzunternehmen geeignete Kandidaten und werben sie ab. Unsere Kunden können sich die Besten aussuchen und müssen nicht warten, wer sich bei ihnen bewirbt. Markus war einer unserer Researcher, ein Kopfgeldjäger also, der nach Talenten Ausschau hält. Aber in letzter Zeit hatte ihn sein Instinkt verlassen, er wirkte überfordert, hatte Alkoholprobleme, machte Fehler – also musste er gehen.