Torsten S. hat einen beeindruckenden Lebenslauf: Er war General und Diplomat, hat eine Nato-Sicherheitskonferenz in Mecklenburg-Vorpommern organisiert, und einige Menschen kennen ihn als Arzt. "Ich konnte über alles mitreden, dabei habe ich überhaupt keine Ahnung von Medizin. Ich habe nur irgendwann mal ein medizinisches Fachbuch gelesen", sagt er. Aber mehr brauchte S. auch nicht. Er besaß genug Fantasie, um sich die Rollen zu schaffen, in die er schlüpfen wollte – und das überzeugende Auftreten, das bei Menschen, die ihn trafen, keine Fragen offen ließ. Und wenn er sich als persönlicher Freund von Joschka Fischer ausgab, glaubten sie ihm alles noch einmal doppelt so gern.

Alexander Adolphs Dokumentarfilm Die Hochstapler erzählt genau davon: von gutgläubigen Menschen und gerissenen Betrügern. Von vier Männern, die das Talent besitzen, den Menschen das vorzuspielen, was sie hören wollen. Sie sind Scharlatane oder Till Eulenspiegels, das ist eine Frage der Perspektive, aber wer ihren Geschichten zuhört, kann einiges über die eigene Leichtgläubigkeit lernen. "Sie öffnen uns den Blick auf eine Märchenwelt, die nur in unseren Köpfen existiert: unsere Vorstellung, wie Erfolgsmenschen aussehen oder wie Manager reden sollten", sagt Adolph. Auf ihre Art waren auch seine vier Protagonisten Erfolgsmenschen, sie machten aus dem Nichts ein Vermögen. Ihr Produkt: sie selbst, ihre Zuversicht, ihr Habitus und das Versprechen famoser Gewinne. "Es gibt nur einen Unterschied zwischen denen und anderen Managern: Sie haben etwas verkauft, das es nicht gab."

Die Firmen, an denen Jürgen Harksen seine Opfer beteiligte, existierten nur auf dem Papier, die Häuser, die Marc Z. verkaufte, hatte er nur gemietet. "Sie müssen ihre Geschichten einfach erzählen, einfach und logisch", sagt der selbst ernannte Immobilienhändler vor der Kamera und beginnt zu lachen. "Oder extrem unlogisch." So erzählte Jürgen Harksen seinen Kunden Anfang der neunziger Jahre, er plane zur Jahrtausendwende einen Flug ins All: Silvester auf dem Mond, das Ticket für fünf Millionen Dollar. Kalkulierter Gewinn: 500 Millionen Dollar. Halb Hamburg investierte in dieses und andere Geschäfte – selbst Dieter Bohlen verlor Millionen an den Schwindler.

All diese Anekdoten sind unterhaltsamer als jede Eulenspiegel-Geschichte, aber welche Botschaft man am Ende aus dem Kinosaal mitnimmt, bestimmt wohl vor allem die eigene moralische Verfassung: Liefern die Hochstapler Anregungen für das Auftreten beim nächsten Vorstellungsgespräch? Gesundes Misstrauen gegenüber Menschen, die traumhafte Gewinne versprechen? Oder eine Warnung davor, selbst zu viel heiße Luft zu produzieren? Regisseur Adolph selbst hält seinen Film im Kern für unendlich traurig. "Wir sehen, wie Menschen sich ihren eigenen Lügen ausliefern. Und wie einer der Protagonisten sagte: Das ist die Hölle."

Start: 19. April. Regie: Alexander Adolph