Lieber hinterm Tresen stehen oder sich in Schulden stürzen? Robert von Heusinger argumentiert rein kapitalistisch und rät: Das beste Anlageobjekt ist immer noch man selbst

Warum studieren Sie? Wegen der Selbstverwirklichung, der Entfaltung der Persönlichkeit, wegen der Bildung an sich? Wenn das Ihre spontanen Antworten sind, lesen Sie am besten nicht weiter! In den nächsten Zeilen wird ausschließlich kapitalistisch argumentiert. Die Bedingung: Sie sind ein geldgieriger Mensch und wollen Ihr Lebenseinkommen maximieren.

Die Frage, ob es klüger ist, neben dem Studium zu jobben oder die Finanzierungslücke mittels Kredit zu schließen, ist mit dem kapitalistischen Ansatz recht einfach zu beantworten: Sie jobben nur dann, wenn es sich für die Karriere lohnt. Taxifahren, Kellnern oder Kassieren überlassen Sie anderen. Das bringt weder Kontakte noch verwertbare Erkenntnisse, sondern verzögert den Studienabschluss und führt zu schlechteren Noten.

Ein Kredit ist einem schlechten Job immer überlegen: Die Kreditzinsen liegen bei rund sechs Prozent, die Bildungsrendite aber ist deutlich zweistellig. Da Deutschland erst am Anfang der Lohndifferenzierung steht, dürfte die Bildungsrendite in Zukunft noch höher sein, als Sie jetzt vermuten. Jeder Hedgefonds lechzt nach einem solch lukrativen Anlagemodell! Dank des Kredites können Sie sich ganz auf das Studium konzentrieren – und dank der guten Noten bekommen Sie attraktive Praktikumsplätze, die wiederum die notwendigen Beziehungen sicherstellen. Natürlich ist die Finanzierung des Studiums riskant. Geht die Rechnung nicht auf, weil Sie trotz bester Bedingungen schlechte Noten schreiben oder sich in den Praktika ungeschickt anstellen, dann sitzen Sie zu Berufsbeginn bei kleinem Gehalt auf großen Schulden. Doch das ist im Kapitalismus immer so: Wer eine hohe Rendite einfahren will, muss auch ein entsprechendes Risiko eingehen.

Wer seinen Frieden mit dem Kapital geschlossen hat, kann sich selbst als Anlageobjekt verkaufen. Dafür gehen Sie nicht zu einer Bank, sondern zu einem Bildungsfonds, der ebenfalls Kredite anbietet (siehe S. 38). Der Fondsmanager durchleuchtet Sie auf Ihre Fähigkeiten, Jobchancen und Ihre Leistungsbereitschaft, dann nimmt er Sie in sein Portfolio auf. Sie bekommen einen Kredit, den Sie später zurückzahlen. Allerdings nicht wie üblich mit Zins und Tilgung, sondern indem Sie über mehrere Jahre einen vorher festgelegten Prozentsatz Ihres Einkommens abgeben. Wer in den ersten Berufsjahren mehr als in der Fondskalkulation erwartet verdient, zahlt mehr zurück – genauso gilt das umgekehrt. Sie teilen sich also das Risiko mit dem Fondsmanager. Und da der natürlich an einem hohen Einkommen interessiert ist, coacht er Sie, vermittelt Praktikumsplätze, sucht auch noch tolle Unis im Ausland. Nicht aus Liebe zu Ihnen, sondern aus Liebe zu Ihrem ersten Gehalt. So schön kann Kapitalismus sein.

Robert von Heusinger, 39, arbeitet seit 2001 als Finanzmarktkorrespondent der ZEIT in Frankfurt.In seinem Blog "Herdentrieb" ergründet er den Kapitalismus: http://blog.zeit.de/herdentrieb