Vor einigen Jahren sorgte die Affäre zwischen Professor Hanno Hackmann und seiner Studentin Barbara Clauditz an der Uni Hamburg für große Empörung. Und das, obwohl sie sich lediglich zwischen den Deckeln von Dietrich Schwanitz’ Roman Der Campus abgespielt hatte.

Doch der Autor, damals Anglistikprofessor in Hamburg, schien mit seiner Uni-Satire einen Nerv getroffen zu haben, vermutlich gerade deshalb, weil er nichts beschrieb, was nicht jeder erzählen kann, der einige Semester an einer Uni verbracht hat. Trotzdem wurde Schwanitz von einigen Kollegen als Nestbeschmutzer beschimpft.

Affären und Beziehungen an der Uni, so scheint es, sind noch immer ein Tabu – dabei kommen sie häufiger vor, als man denkt. Hier erzählen ein Dozent, ein Student und eine Studentin ihre Geschichten; die Namen aller beteiligten Personen wurden geändert.

1) Der Dozent:

Thomas, 44, hatte eine Beziehung mit einer Studentin – und wurde von einer anderen jahrelang verfolgt

"Es gibt immer mal wieder Studentinnen, die für mich schwärmen. Die bemerken, wenn ich ein neues Hemd trage oder beim Friseur war. Die nach dem Seminar noch wie zufällig vor meinen Büro stehen bleiben und versuchen, mich in ein Gespräch zu verwickeln. Natürlich schmeichelt mir das. Aber ich weiß auch, dass diese Schwärmerei nur wenig mit mir selbst zu tun hat. Denn immer sind es Studentinnen, die neu sind in der Anglistik und mit großer Begeisterung studieren. Ich glaube, dass diese Begeisterung für das Fach anfänglich auch auf mich, den Dozenten, übertragen wird. Dann sehen die Frauen aber sehr schnell, dass sie all das, was ich fachlich beherrsche, auch lernen können – und es an mir gar nichts zu bewundern gibt.

Laura stand nie vor meinem Büro, um meine neue Frisur zu bewundern. Wir haben uns kennen gelernt, wie man sich an der Uni eben kennen lernt, vor allem wenn der Fachbereich so klein ist wie unsere Anglistik: Wir sahen uns regelmäßig in meinem Übersetzungskurs, standen nach Vorträgen häufig in der gleichen Runde vorm Hörsaal und gingen abends nach dem Shakespeare-Seminar manchmal mit gemeinsamen Freunden ein Bier trinken. Irgendwann wurden diese Abende häufiger, die Gruppe immer kleiner, bis am Ende nur wir zwei übrig blieben.

Der fast banale Beginn einer doch nicht alltäglichen Liebesgeschichte. Schließlich war ich derjenige, der Lauras Übersetzungsklausuren korrigierte, und sie war erheblich jünger als ich. Der Altersunterschied zu Laura behagte mir nicht. Moralische Bedenken, weil sie meine Studentin war, hatte ich dagegen keine, denn eine Regel hatten wir von Beginn an selbst aufgestellt: Bei Lauras Prüfungen stand ich auch als Beisitzer nicht zur Verfügung. Allerdings musste ich manchmal eine ihrer Seminararbeiten bewerten, denn einige für das Examen relevante Seminare bot eben nur ich an. Dann waren aber nicht die anderen Studenten sauer, sondern nur Laura, die sich von mir zu streng benotet fühlte.

Ich hatte nie den Eindruck, dass meine Kollegen oder Lauras Freunde ein Problem mit unserer Beziehung hatten, vielleicht weil wir von Anfang an kein Geheimnis daraus machten. Nachteile hatte unsere Vermischung von Arbeits- und Berufsleben aber schon: Wenn wir uns morgens beim Frühstück gezofft hatten, war es eine Stunde später im Seminar ziemlich schwierig, sachlich über Romeo und Julia zu diskutieren.

Zumal in diesem Seminar auch Mona saß, die schon seit langem glaubte, die wahre Frau an meiner Seite zu sein. Mona war eine der Studentinnen, bei denen es nicht bei einer harmlosen Schwärmerei blieb. Das erste Mal saß sie vor zehn Jahren in meinem Übersetzungskurs, und von Anfang an benahm sie sich ein wenig merkwürdig. In meiner Sprechstunde erklärte sie mir dann: "Alles, was Sie mich übersetzen lassen, ergibt eine Botschaft." Sie war davon überzeugt, dass wir füreinander bestimmt seien und uns im Grunde schon immer innig liebten. Ich fand das zunächst vor allem skurril und schlug ihr vor, auch einmal zu versuchen, eine Nachricht aus den Übersetzungen ihrer Kommilitonen herauszuhören. Ich wollte ihr die Absurdität der ganzen Idee vor Augen führen. Sie hingegen erklärte mich für verrückt.

Mona wusste von da an immer, was ich machte und wo ich gerade war – zumindest tat sie so: Sie schickte E-Mails, in denen sie mir mitteilte, dass sie mich am Bahnhof mit meinem Cousin gesehen habe. Oder sie schrieb mir in einem Brief, wie gut ihr die Bilder in meiner Wohnung gefielen, obwohl sie dort natürlich noch nie gewesen war. Ein anderes Mal war ich übers Wochenende ins Hunderte Kilometer entfernte München gefahren, um Freunde zu besuchen. Montags machte sie mir dann an der Uni Vorwürfe, dass sie vor der Neuen Pinakothek in München vergeblich auf mich gewartet habe. Im Seminar sprang sie plötzlich auf und rief: "Ich ertrage diese Lüge nicht mehr." Am nächsten Tag fand ich doch wieder eine rote Rose hinter den Scheibenwischer geklemmt. Manchmal lag auch ein Gedicht in meinem Postfach. Nächtelang klingelte das Telefon – wenn ich abhob, hörte ich nur, dass jemand am anderen Ende der Leitung leise atmete. Woher sie all die Dinge wusste? Keine Ahnung.

Ich sprach mit der Rechtsabteilung der Uni und einem Psychologen des Studentenwerks. Ich lernte: Gegen Rosen und Gedichte konnte ich mich nicht wehren. Und dass Mona mir ihre Nähe aufzwang, mein Leben mitlebte, statt ihr eigenes zu führen, musste ich geschehen lassen, solange sie mir keine Gewalt androhte. Zwar ließ ich ihre E-Mails aus meinem Posteingang filtern und weigerte mich, sie in meiner Sprechstunde zu empfangen, ohne dass mein Chef anwesend war. Aber jede Woche saß sie wieder im Seminar und fixierte mich.

Der Psychologe des Studentenwerks bot an, ein Beratungsgespräch mit ihr zu führen. Aber in ihren Augen war nur ich derjenige, der dieses Gespräch brauchte, weil ich mich weigerte, zu unserer Beziehung zu stehen. Lange vermutete sie, dass ich meine Stelle an der Uni nicht aufs Spiel setzen wollte. Als ich später mit Laura zusammenkam, muss Mona sich eine andere Erklärung für meine Ablehnung gesucht haben, denn sie glaubte immer noch unerschütterlich daran, dass wir fest zusammengehörten.

Mit Laura stritt ich mich leider recht bald recht häufig, und als sie ihr Studium im letzten Sommer beendete und in eine andere Stadt zog, habe ich ihr schon nicht mal mehr beim Umzug geholfen. Das lag aber weder am Altersunterschied noch an der Uni und zum Glück auch nicht an Mona: Die hat Laura gar nicht richtig wahrgenommen, vermutlich hat meine Freundin in Monas Welt gar keine Rolle gespielt.

Seit einigen Monaten habe ich jetzt auch Mona nicht mehr am Institut gesehen. Ich weiß nicht, ob ich schon aufatmen darf. Bereits vor drei Jahren war sie schließlich einmal monatelang verschwunden, um dann doch wieder in meinem Kurs aufzutauchen."