Neue Stadt, neue Freunde, neues Leben: Warum das Studium die beste Zeit ist, sich selbst zu entdecken

70 Euro sind ein guter Preis für ein neues Leben. Sergej Idaczyk bezahlte ihn im Einwohnermeldeamt von Frankfurt, legte seine Geburtsurkunde vor und verließ die Behörde eine halbe Stunde später als Dennis. Man kann das komisch finden, wenn einer seinen Vornamen ändert. Für Dennis war es konsequent. Es war der letzte Schritt einer Entwicklung, die er in den vergangenen fünf Jahren gemacht hatte, seit er mit dem Abitur in der Tasche seinem Heimatdorf nahe Trier den Rücken gekehrt hatte und weggezogen war zum Studium nach Berlin.

An der Uni beginnt ein neuer Lebensabschnitt, das erlebt auf die eine oder andere Weise jeder, wenn er von zu Hause auszieht, die Stadt wechselt, neue Freunde kennenlernt und sich aussuchen kann, was er lernen möchte. Endlich ist man frei, aus seinem bisherigen Leben auszubrechen, zu verändern, was jahrelang festgefahren schien.

In einer Studie des Hochschul-Informations-Systems nennen weit über neunzig Prozent der über 3000 befragten Studenten die Entfaltung ihrer Persönlichkeit als ein wichtiges Lebensziel. Und rund siebzig Prozent geben an, sie sähen die Studienzeit zumindest teilweise "als Phase des Ausprobierens, in der sich meine Persönlichkeit entwickelt". Diese Phase sollte man auskosten, rät Alexandra M. Freund, Psychologie-Professorin an der Universität Zürich.

"Studenten haben einen besonderen Platz zwischen Jugendlichen und Erwachsenen", sagt sie. Denn einerseits dürften sie endlich selbst über ihr Leben bestimmen, andererseits würden sie weiter finanziell unterstützt und müssten noch keine Verantwortung für andere übernehmen.

Der erste Schritt in die Freiheit kann die Loslösung von zu Hause sein, wie bei Dennis. Mit dem verhassten Vornamen ließ er eine Welt hinter sich, von der er sich im Studium immer weiter entfernt hatte: Sergej, das waren die Eltern mit der romantischen Liebe zu Russland, die sie auch bei der Namenswahl beeinflusst hatte. Sergej, das war das alternative Milieu, in dem er aufgewachsen war. Sergej, das war der Junge in dem Sechzig-Seelen-Dorf, in dem jeder jeden kannte und die Dinge so waren, wie sie waren, weil sie eben immer schon so waren. Sergej, das war der Waldorfschüler, der mit Schwämmchentechnik ineinanderfließende Farben malen musste, obwohl er lieber Comics gezeichnet hätte; der sich in weiten Gewändern zu Gedichten und Musik bewegen sollte, obwohl er lieber Fußball gespielt hätte. Fußball aber hatten die Lehrer verboten.

"Ich habe früh gemerkt, dass ich mein Leben selbst in die Hand nehmen muss, wenn es so aussehen soll, wie ich mir das wünsche", sagt Dennis. Heute tritt der 27-Jährige auf wie jemand, der gelernt hat, für sich einzustehen: aufrecht, mit offenem Gesicht und entschlossenem Blick.

Aber an seiner Stimme hört man, dass er sich dabei seine Sensibilität bewahrt hat. Zu Hause hatten diffuse Meinungen sein Leben bestimmt, "in einer Kleinstadt wird wenig begründet". Er sehnte sich nach der klaren Sprache einer exakten Wissenschaft – und nach dem Großstadtleben. Um der Kleingeistigkeit zu entfliehen, zog er nach Berlin und schrieb sich für Mathematik ein.