Seit der zehnten Klasse weiß ich, dass ich Polizist werden will. Etwas anderes kam für mich nie infrage. Man hat mit Menschen zu tun, und jeder Tag ist anders. Bei Dienstbeginn weiß ich nie, was kommt. Das ist die Herausforderung. Seit einem halben Jahr arbeite ich jetzt als Kommissar zur Anstellung – also in Probezeit – in der Hauptwache Herne, mitten im Ruhrgebiet.

Im Februar bin ich um 14 Uhr zur Spätschicht gekommen und mit einer Kollegin Streife gefahren. Etwa eine Stunde später bekamen wir einen Einsatzbefehl aus der Zentrale. Ein Mann hatte die Polizei alarmiert, weil das Mittagessen seines Nachbarn noch immer vor der Tür stand. Der ältere Herr war alleinstehend, ein Sozialdienst lieferte ihm die warmen Mahlzeiten. Doch an diesem Tag blieb das Essen unberührt, und der Nachbar war beunruhigt.

Solche Situationen erleben wir häufiger, oft gibt es eine harmlose Erklärung: Manchmal sind die Menschen nur verreist oder mussten ins Krankenhaus, ohne dass der Essensservice informiert wurde. Aber diesmal hatte ich ein ungutes Gefühl.

Als ich die Tür geöffnet hatte, sah ich sofort, dass der Mann tot war. Er lag auf der Schwelle zur Küche, und mir ist gleich die Haltung seiner Arme aufgefallen. Sie waren so merkwürdig nach oben gekrümmt. Die Leichenstarre hatte bereits eingesetzt, das konnte ich sehen. Meine Kollegin und ich haben dann den Notarzt gerufen und die Kollegen von der Kriminalpolizei – das ist Routine, wenn die Todesursache nicht klar zu erkennen ist.

In der Zwischenzeit haben wir nach den Papieren des Verstorbenen gesucht, um ihn zu identifizieren. Es ist immer merkwürdig, in fremden Sachen zu wühlen, diesmal hat es besonders lange gedauert. Im ganzen Haus herrschte Chaos, überall standen volle Aschenbecher.

Den Ausweis haben wir erst nach etwa einer halben Stunde im Schlafzimmer gefunden. Unter dem Kopfkissen, zusammen mit etwas Bargeld. Das ist ein sehr beliebtes Versteck bei alten Menschen. Der Verstorbene war 70, dass er schon so alt war, hat mich beruhigt. Dann würde es sicher nicht ganz so schwierig werden, die Angehörigen zu informieren, wie bei einem jungen Mann.

Normalerweise darf ich als Kommissar-Anwärter gar keine Todesnachrichten überbringen. Das macht der Gruppenleiter. Und in besonders heiklen Fällen, wenn zum Beispiel ein Kind verstorben ist, kommt auch immer ein Seelsorger mit. Doch diesmal war es anders, mein Chef war an diesem Tag nicht im Dienst, und da haben meine Kollegin und ich beschlossen, die Nachricht selbst zu überbringen.