Von der Autobahn 4 aus gesehen, ist Jena am hässlichsten. Hier blickt man auf das Plattenbauviertel von Lobeda, auf sozialistische Wohnkultur in Reinform und auf alte, glatzköpfige Männer in Unterhemden, die auf Balkonen stehen und Zigaretten rauchen. Das ist Jena. Und ausgerechnet Jena möchte laut Plänen seiner Friedrich-Schiller-Universität in wenigen Jahren zu "Europas studentenfreundlichster Stadt" werden. Wie bitte?

Nur zum Vergleich: Europas beliebteste Studentenstadt ist unter Erasmus-Studenten momentan Granada in Südspanien. Granada, das klingt nach andalusischer Küche, maurischer Architektur, nach Unesco-Weltkulturerbe, Wintersportwochenenden in der Sierra Nevada und einem legendären Nachtleben. Und Jena? Jena hat genau genommen: die verträumte Wagnergasse, den Büroturm Jentower und die Muschelkalkhänge im mittleren Saaletal. Woher also das plötzliche Selbstbewusstsein der Jenenser Uni?

Ausgedacht hat sich die Kampagne Klaus Dicke, der Rektor der Friedrich-Schiller-Universität. Er war es, der eine Arbeitsgruppe mit dem allegorischen Namen "Studentenparadies Jena" einberief. Wie kamen Sie darauf, Herr Dicke? "Wir wollen europaweit Studenten nach Jena locken, indem wir optimale Bedingungen für ein Studium bieten." Was spricht denn für Jena? "Hier wird über Fachgrenzen hinweg zusammengearbeitet. Und für die Studierenden gibt es ein zentrales Servicebüro, das viele Amtsgänge erspart. In der Stadt selbst hat man kurze Wege und Kinderbetreuungsangebote!"

Unter Jenas Studenten haben sich die Ambitionen ihres Rektors noch nicht herumgesprochen. Sandra Frenzel, 22, und Martin Bucher, 23, stutzen, als sie davon hören. Zwar stehen sie gerade am Bahnhof, der in Jena seit dem 19. Jahrhundert "Paradies" heißt, aber, sagt Martin Bucher, von Studentenfreundlichkeit könne in Jena wirklich keine Rede sein. "Dann müssten die Mieten günstiger sein. Selbst für Plattenbauwohnungen in Lobeda zahlt man fast schon 600 Euro."

Seine Freundin bedauert, dass es das Bonusheft mit Rabattmarken für örtliche Geschäfte nicht mehr gebe, das früher jeder Student bekam. Auch die neuesten Pläne des Stadtrats sprechen gegen ein Studentenparadies: die Einführung einer Zweitwohnsitzsteuer und die Streichung des Nahverkehrszuschusses für Studenten.

Warum will Jena überhaupt Studentenparadies werden? Der Grund ist eindeutig: Wenn die Stadt nicht für sich wirbt, trifft sie der Geburtenknick. Vor allem im Osten blieben kurz nach der Wende die Kinder aus, und in Jena befinden sich unter den 25000 Studenten bisher nur zehn Prozent Westdeutsche.

"Wir müssen versuchen, die Bedingungen für ein Studium in Jena zu verbessern, sonst verlieren wir beträchtlich an Zulauf", sagt Rektor Dicke. "Jede traditionelle Studentenstadt in Europa hat ihren spezifischen Charme, ob Tübingen, Groningen oder Salamanca. Jena steht anderen darin nicht nach." Jenas Oberbürgermeister Albrecht Schröter spricht sich und seiner Stadt Mut zu: "Allein sich dieses Ziel vorzunehmen bringt schon viele positive Effekte." Im Klartext soll das wohl heißen: Man ist immer so viel Paradies, wie man sich fühlt.