Wenigstens den Matsch haben sie uns gelassen. Die Mission war: Fahrt nach Woodstock und tanzt bis in den Morgen zwischen den wehenden Marihuanaschwaden! Macht freie Liebe und wälzt euch im Schlamm! Werdet Teil einer Jugendbewegung und seid gegen den Krieg! Flower-Power!

Deswegen stehe ich jetzt mit meinen beiden Begleiterinnen auf einem Acker. Nicht Woodstock, New York, sondern Scheeßel, Niedersachsen. Die eine Freundin sortiert die Stangen für das Igluzelt, die andere pult Erde unter granatroten Zehennägeln hervor. Um uns herum haben 54997 andere Menschen bereits ein Zuhause für das Wochenende gefunden. Es ist Hurricane-Festival.

Ich schaue direkt mal im Lager unserer Nachbarn vorbei. Die Gruppe von Abiturienten aus Schwerin hat ihre Zelte im Kreis aufgestellt, die Eingänge deuten in die Mitte des kleinen privaten Lagers. Ignoranz! So wird die freie Liebe nicht in ihr Lager einziehen. Ich schlage vor, dass sie ihre Zelte nach außen hin ausrichten, um sich den anderen Besuchern zu öffnen. Die Schweriner sind betrunken, versprechen aber, morgen umzubauen.

Meine Einladung zur Diskussionsrunde über das Revolutionspotenzial von Marilyn Manson lehnen sie dankend ab. Sie gingen heute Abend eh nicht mehr zur Bühne. Ich hätte dann zumindest Marihuanawolken erwartet, stattdessen riecht es nach Bier. Sie tränken heute lieber noch ein bisschen weiter im kleinen Kreis, sagen sie.

Ich gehe also allein zur Bühne, die Welt retten. Interpol und Incubus spielen, doch die wollen nicht die Welt retten, sondern bloß ihren Therapeuten entlasten. Die Forderung nach dem Abzug der Truppen aus dem Irak brüllt keiner in die Menge – außer mir. Ein Emo mit zwei verschiedenen Schuhen beginnt als Einziger die lang ersehnte Diskussion. Seine Meinung: Hegemonie sei immer noch besser als gar kein Interesse. Dazu trinken wir das Bier des Hauptsponsors. Statt weiterer Ideen für eine andere Welt hole ich mir anschließend Gratisgetränke, ein Schlüsselband und eine Cremeprobe. "Der Sommer der Liebe wird Ihnen präsentiert von: den Firmen, die das Gelände mit ihrem Krimskrams ausrüsten."

Die Sache mit der freien Liebe will auch nicht vorankommen. Da kann ich noch weniger auf die Unterstützung meiner Großstadtmädchen bauen. Die haben kein Handynetz, können ihre daheimgebliebenen Freunde nicht erreichen – und wollen von unkontrollierter Triebhaftigkeit nichts hören. Die Männer vor Ort sind betrunken, stolpern nachts über unsere Heringe, grölen und versuchen ins Zelt zu gucken. Danke.

Bleibt der Matsch. Zwei Tage Dauerregen haben uns ideale Bedingungen für eine ganz außergewöhnliche spirituelle Erfahrung geschaffen. Von wegen. Alle außer mir glauben, Kajalstift reiche zum Rocken. Und ich habe nur noch ein sauberes TShirt. Für Woodstock gibt es keine Mehrheit. Immerhin riecht es streng. Irgendwo ist ein Dixi-Klo umgefallen.