Wenn es etwas gibt, was Piloten hassen, dann ist das Schnee auf der Landebahn. Einen 70 Tonnen schweren Airbus auf Schnee zu landen ist nur bei geringem Seitenwind möglich, wenn überhaupt. Meistens wird man vorsichtshalber umgeleitet.

Am Vorabend meines ersten Fluges schaute ich die Tagesschau. Im Rücken der Sprecherin sah man eine große grüne Deutschlandkarte, auf der eine freundliche Sonne aufging. Dann begann der Wetterfilm abzufahren. Plötzlich schob sich eine große schwarze Schlechtwetterfront ins Bild. Meine Mutter rief an, wünschte mir Glück. Ich schaltete den Fernseher aus und ging schlafen. Dass ich in dieser Nacht etwas geträumt habe, daran kann ich mich nicht erinnern.

Am nächsten Morgen stehe ich um sechs Uhr auf und ziehe die Zellophanfolie von meiner neuen Uniform: eine Hose in Dunkelblau, eine Mütze und ein Jackett mit drei Goldstreifen am Ärmel und dem Lufthansa-Kranich auf der Brust. Drei Streifen, einer weniger als der Kapitän, das bedeutet, ich bin der Copilot.

Im Prinzip wurde ich für jeden dieser Streifen ein Jahr lang ausgebildet, sie stehen für viele Trainingswochen im Simulator und für all die Monate mit Ausbildungsflügen über der Wüste von Arizona. Diese drei Streifen zu tragen ist ein erhabenes Gefühl. Trotzdem empfinde ich nicht wirklich Stolz, als ich mich an diesem Morgen mit Uniform im Spiegel sehe, nein, eher Vorfreude.

Ich bin pünktlich am Flughafen und steige in die Maschine, LH 3182, Frankfurt–Moskau und zurück. Der Kapitän ist ein besonnener Typ, vielleicht um die vierzig; bei Erstflügen sitzt immer ein dritter Pilot im Cockpit und überwacht den Neuling, also mich. Nach Moskau fliegt der Kapitän, ich soll später den Rückflug übernehmen. Über Funk bitte ich den Tower um Startfreigabe, wie ich es gelernt habe: "Lufthansa three one eight two, ready." Der Tower antwortet vorschriftsgemäß: "Lufthansa three one eight two, clear for take-off, runway one eight, wind one six zero four knots."

Wir geben Gas und heben ab. Fliegen ist eines der schönsten Dinge, die man tun kann. Ich wusste schon mit 14, dass ich Pilot werden wollte. Damals ging ich Zeitungen austragen, um mir die Segelflugausbildung zu finanzieren. In der Flugschule von Konz-Könen galt ich immer als der Angsthase. Wir schauten Top Gun, diesen Tom-Cruise-Film über amerikanische Kampfpiloten. Danach flogen meine Freunde mit ihren hölzernen Segelgleitern steile Kurven, sie wollten sein wie Tom Cruise. Ich nicht. Ich war immer der Ruhige und hielt mich an die Regeln. Wenn die anderen auf dem Computer Ballerspiele zockten, simulierte ich lieber Nonstopflüge von Frankfurt nach Paris. Ich war einfach lieber ich, Florian Spehl, als Tom Cruise.

In Moskau landet der Kapitän die Maschine, die Passagiere steigen aus und wieder ein, und erst jetzt schlägt meine Stunde. Mir ist klar: Das Flugzeug, das ich steuere, kostet 60 Millionen Dollar. Außerdem sind an diesem Tag 120 Passagiere an Bord, Familien, kleine Kinder, Geschäftsleute. Noch nie in meinem ganzen Leben hatte ich so viel Verantwortung – aber es gefällt mir. Beim Blick auf die Moskauer Flugunterlagen fällt mir auf, wie ausführlich der Wetterbericht für Frankfurt ist, fast eine ganze Seite, von Schnee und Seitenwind ist dort die Rede.