ZEIT Campus : Klingt gut. Was müsste ich denn wohl tun, um Astronaut zu werden?

Merbold : Sie brauchen nicht unbedingt ein naturwissenschaftliches Studium, aber dann ein Ingenieurstudium, wie Thomas Reiter etwa. Die meisten Astronauten bei der Esa sind Physiker; Informatiker und Mediziner haben wir aber auch.

ZEIT Campus : Sieht schlecht aus für Kulturwissenschaftler und Literaturstudenten.

Merbold : Warum nicht irgendwann auch? Immerhin ist die menschliche Gesellschaft dabei, einen Raum für sich zu erobern, der bis dato verschlossen war. Das kann sehr wohl Auswirkungen auf die Künste haben oder auch auf die Soziologie.

ZEIT Campus : Sie haben in einem Interview über den Mars gesagt, dass alles, was wir dort noch entdecken werden, unser Weltbild auf den Kopf stellen wird. Was könnte das wohl sein?

Merbold : Da müsste ich Hellseher sein. Aber schaut man in der Wissenschaftsgeschichte zurück, lässt sich nicht leugnen, dass es im akzeptierten Weltbild mehrmals durch die Reisen der Entdecker zu Paradigmenwechseln gekommen ist. Häufig wurde etwas entdeckt, und alle geltenden Vorstellungen erwiesen sich als unrichtig. Kolumbus etwa entdeckt Amerika, und plötzlich war das Weltbild ein völlig anderes. Magellan, Kopernikus, Darwin – es gibt viele Beispiele. Warum sollten wir jetzt sagen: Wir wissen alles, wir gehen nicht mehr raus? Das sind wir unseren Altvorderen schuldig. Wir können zum ersten Mal den Erdball verlassen. Es ist die Fortsetzung dieser Tradition, und es müsste mit dem Teufel zugehen, wenn sich daraus nicht neue Einsichten ergeben würden. Jeder Generation steht es gut an, eine Spur in der Geschichte zu hinterlassen.

ZEIT Campus : Hat sich Ihr Weltbild dort oben verändert?

Merbold : Wie verletzbar und wie klein diese Erde ist, das ist ein heuristisches und sehr sinnliches Aha-Erlebnis – wenn man feststellt, dass anderthalb Stunden ausreichen, um einmal drum herumzufliegen. Das verändert das Denken fundamental. Ich bin sicher, dass ein jeder, der da oben war, eine ethische Pflicht für sich und seine Zeitgenossen akzeptiert, diesen Erdball sorgsam zu bewahren.

ZEIT Campus : Zurück zum Werdegang eines Astronauten. Sie selbst wurden in den siebziger Jahren aus mehr als 2000 europäischen Bewerbern ausgewählt. Wie setzten Sie sich durch?

Merbold : Für die erste Spacelab-Mission suchten sie keine Piloten, sondern Leute, die in der Wissenschaft schon etwas geleistet hatten. Ich hatte am Stuttgarter Max-Planck-Institut promoviert, das war eine günstige Voraussetzung. Es lief nach dem K.-o.-System, es gab nationale Vorauswahlen mit wissenschaftlichen Interviews, Sprachtests und einer psychologischen Untersuchung, die den meisten das Genick gebrochen hat. Außerdem eine medizinische Auswahl mit Tests in Zentrifugen und Ähnlichem.

ZEIT Campus : Durch die psychologischen Fragen sind mehr Leute ausgeschieden als durch die Tests in den Zentrifugen?

Merbold : Man musste zeigen, dass man leistungsfähig Informationen aufnehmen und verarbeiten kann. Dann gab es Fragebögen zur Persönlichkeit: extrovertiert oder introvertiert, pingelig oder schlampig? Es war nicht gut, den Extremfall darzustellen. Wichtig war es auch, die Teamfähigkeit nachzuweisen, denn diesen Job kann ja keiner alleine machen.

ZEIT Campus : Dass Sie überhaupt Physik studieren konnten, war auch nicht selbstverständlich.

Merbold : Ich bin in Thüringen geboren worden. Da ich nicht in der FDJ war, durfte ich 1960 in der DDR nicht studieren. Ich musste mich entscheiden: auf das Studium verzichten oder mich dem politischen System anpassen? Mein Vater war allerdings 1948 im Lager Buchenwald gestorben, das die Russen weiterbetrieben. Das war der Grund, warum ich dem DDR-System nichts abzugewinnen vermochte und auch nicht der FDJ beitreten konnte. Ich wollte aber auf das Physikstudium nicht verzichten. Ich wollte wissen, was die Welt im Innersten zusammenhält.

ZEIT Campus : Dafür mussten Sie dann das Land verlassen.