Der Anruf kam an einem Samstag im Juli, der Schabbat war noch nicht vorbei, und Nir ahnte, dass es dringend war. Der Wirtschaftsstudent saß mit Freunden zusammen im Norden Tel Avivs, und am anderen Ende der Leitung war sein Kommandant von der Spezialpioniereinheit Yael. Nir, fragte er, willst du die Jungs in den Libanon führen? Natürlich, sagte Nir, der Offizier der Reserve. Am nächsten Tag ging er nicht wie sonst in die Uni, sondern in den Krieg. "Wer in diesem Land leben will, muss bereit sein, es auch zu verteidigen", sagt er.

Die israelische Armee ist eine Wehrpflichtigenarmee, nach der Schulzeit muss jeder Israeli seinen Militärdienst ableisten, Männer drei Jahre lang, Frauen 21 Monate. Sie bekommen eine Uniform und ein M16, das Gewehr des einfachen Soldaten. Sie machen eine Grundausbildung, danach sitzen sie im Büro in Tel Aviv oder kontrollieren Palästinenser im Westjordanland. Über etwa 168000 reguläre Soldaten und 408000 Reservisten verfügt das Land, das bedeutet: jeder zwölfte Israeli, Kinder und Alte mitgerechnet. Nach dem Wehrdienst werden die meisten Soldaten Miluimnikim, Reservisten. Sobald ein Krieg ausbricht, können sie eingezogen werden.

Der Krieg brach aus am 12. Juli 2006. Kämpfer der islamistischen Hisbollah verschleppten zwei israelische Soldaten in den Südlibanon; zwei Tage darauf begann die Armee, Tausende, meist junge Reservisten für die "Operation Richtungswechsel" einzuberufen. Ihre Großväter hatten für die Gründung des Staates Israel gekämpft, ihre Väter erweiterten seine Grenzen im Sechstagekrieg – und sie, die Enkel waren in dem Glauben aufgewachsen, vielleicht nie in einen Krieg ziehen zu müssen. Während des ersten Libanonkriegs 1982 waren sie noch Kinder. Der zweite Libanonkrieg war ihr Krieg.

Der Krieg der Jungen endete mit einem Waffenstillstand 34 Tage später, da waren 1200 Libanesen tot und 119 israelische Soldaten. Neun starben aus Nirs Einheit, 20 wurden schwer verwundet. Einer der Toten war sein bester Freund. Und Nir war ihr Anführer.

Vor dem Krieg studierte Nir Wirtschaft im an einer privaten Elitehochschule in Herzliya, wenige Kilometer nördlich von Tel Aviv. Rund 5500 Euro kostet das Studium pro Jahr, wer hier studiert, hat Großes vor. Nebenbei betrieb Nir mit einem Freund die Bar Rio. An guten Abenden tanzten dort 800 Gäste. Ein zielstrebiges Leben. Seit dem Krieg ist es vorbei.

Jetzt hockt der 26-Jährige in seinem Apartment in Tel Aviv, es ist Nacht, und vom Strand dringt ein dumpfes, rhythmisches Pochen herüber; Jugendliche tanzen zu russischem Techno, aber Nir hört es nicht. Er sitzt auf dem schwarzen Ledersofa, hat die Knie an die Brust gezogen und erzählt stockend. 39 Feldjäger hatte seine Einheit, mit elf von ihnen hat Nir die dreijährige harte Ausbildung in der Spezialeinheit durchgestanden; zusammen waren sie sechs Tage lang marschiert, mit 60 Kilo Gepäck auf dem Rücken und nur ein paar Datteln als Proviant. Er setzt sich vor den Computer und zeigt Fotos von seiner Einheit: Soldaten mit den weichen Gesichtern von Kindern und den durchtrainierten Oberkörpern von Männern. Mit 23 Jahren waren sie Offiziere, mit 25 Jahren zogen sie in den Krieg.

Sie marschierten um kurz nach Mitternacht über die Grenze in den Libanon, am frühen Morgen erreichten sie das Dorf Debel. Fast der gesamte Süden des Libanon war menschenleer, über eine Million Menschen waren vor der einrückenden Armee geflüchtet. Nirs Einheit quartierte sich in einem verlassenen Haus ein.