Was tun, wenn eine Situation verfahren, ausweglos ist? Harry Potter würde seinen Zauberstab zücken und den passenden Spruch rezitieren; den von blutrünstigen Indianern eingekesselten Siedlern kommt die Kavallerie zur Hilfe; James Bond besinnt sich auf Qs neuestes Gadget; im Drama des 19. Jahrhunderts steht zumeist eine unerwartete Erbschaft an, oder ein längst vergessener (aber vermögender) Vetter taucht auf, bevor die Katastrophe ihren Lauf nehmen kann. In allen Fällen greift der Autor oder Regisseur zu einem Deus ex Machina.

Der lateinische Ausdruck Deus ex Machina bedeutet wörtlich "Gott aus der Maschine" und ist eine Lehnübersetzung aus dem Griechischen (da heißt es: apo mechanes theos). Im antiken griechischen Theater wurden Situationen, in denen die menschlichen Figuren ohne göttliche Intervention nicht mehr zu retten waren, "mechanisch" gelöst. In solchen Lagen wurde das Gebot der Wahrscheinlichkeit außer Acht gelassen und die Theatertechnik bemüht. Mit Hilfe einer kranähnlichen Maschine erschien ein Gott über der Bühne und verkündete eine Lösung. Da solche Lösungen schon in der Antike als dramaturgisch problematisch galten– in seiner "Poetik" tadelt Aristoteles ausdrücklich den Einsatz solcher Überraschungseffekte –, haftet dem Deus ex Machina seitdem etwas Pejoratives an.

Nichtsdestoweniger scheint die Weltliteratur ohne diesen Kunstgriff nicht auskommen zu können. Die Erscheinungsformen sind zwar vielfältig, die Funktionen erfüllen aber immer den gleichen Zweck: Wenn die Logik der Handlung keinen plausiblen Ausweg bietet, müssen unplausible, aber spektakuläre Lösungen eingeschaltet werden. Sie sind häufig einer höheren Instanz geschuldet. Diese kann übernatürlich-göttlicher Art oder aber politischer Provenienz sein: wenn etwa der König einen Boten schickt, um ein Urteil zu verkünden, Gnade walten zu lassen, oder einfach Geld bereitzustellen. Wir begegnen Dei ex Machina bei Dante, Shakespeare, Molière und in ironischer Brechung bei Brecht in der Dreigroschenoper.

Was der Deus ex Machina an dramaturgischer Plausibilität einbüßt, gewinnt er an theatraler Wirkungskraft. Die Erscheinung des Gottes ist in erster Linie ein visueller Effekt, der das Publikum überraschen soll. Somit befriedigt der Deus ex Machina scheinbar ein Grundbedürfnis des Menschen nach irrationalen Lösungswegen, dem die fiktionalen Medien in allen Epochen allzu gern nachkommen. CHRISTOPHER BALME

Christopher Balme, 49, ist Professor für Theaterwissenschaft an der Ludwig-Maximilians- Universität München.