Die New York University war fast pleite, jetzt gilt sie als Amerikas Traumhochschule – zu Recht?

Wer die Geschichte der New York University erzählen will, der muss zuerst die Geschichte von Steve Stanzak erzählen. Die Geschichte des 19 Jahre alten Studenten, der acht Monate lang in der Bobst Library lebte, der größten Bibliothek der Universität. Der auf vier zusammengerückten Stühlen schlief. Der sich auf dem Bibliotheksklo die Zähne putzte, "verschämt und mit der Angst, entdeckt zu werden", wie er sagt. Der dort lebte "in großer Langeweile, die aber nichts war im Vergleich zu der Einsamkeit, immer an einem öffentlichen Ort zu sein, ständig umgeben von Leuten, aber irgendwie weit von ihnen entfernt". Seine Habseligkeiten tat er in Schließfächer, zum Duschen ging er ins Fitnesscenter der Universität. In der Bibliothek, seiner Wohnung, kannte ihn irgendwie jeder und irgendwie doch nicht.

Sie nannten ihn Bobst Boy. Er schrieb ein Blog über sein Leben in der Bibliothek, und er wurde berühmt.

Steve Stanzak hatte ein Jahr studiert an der New York University, Englische Literatur, und er war an die NYU gegangen, weil er immer von dieser Uni geträumt hatte: weil sie ein breites Programm hat und exzellente Professoren, weil sie in den vergangenen Jahren von einer mediokren Hochschule zur Elite-Uni geworden ist und natürlich, weil sie in New York City liegt. Und zwar im wirklichen New York City, in Greenwich Village, um den Washington Square, eingepfercht von Sechster Avenue, Broadway und Houston Street. Die Columbia University, die viel berühmtere, liegt 110 Blocks weiter nördlich, kurz vor Harlem.

Stanzak dachte nicht über Geld nach, als er sich einschrieb, und nach einem Jahr stellte er fest, dass er zu wenig hatte, um an dieser Hochschule über die Runden zu kommen. Er bekam ein Stipendium, doch das reichte nicht, keine Bank gab ihm einen Kredit. Um zu sparen, wohnte er in Brooklyn bei einer, wie er sagt, "unglaublich bösartigen älteren Frau", der er den Haushalt schmeißen sollte. Als er das nicht mehr ertrug, zog er im August 2003 in die Bibliothek.

In dem elfstöckigen Glaspalast hatten sich im selben Jahr zwei Studenten umgebracht. Sie waren über die Reling geklettert und in den marmorgefliesten Innenhof der Bibliothek gesprungen. "Ich sah keine andere Möglichkeit, als in die Bibliothek zu ziehen", sagt Stanzak heute, "alle anderen hätten mich weggeführt von der NYU!"

Stanzaks Fall mag sich wie eine urban legend anhören. Aber er ist eine der vielen Verrücktheiten, die sich an der NYU abspielen. Keine andere Hochschule in den USA hat sich in den vergangenen Jahren so radikal gewandelt wie die NYU. Sie ist, wie das britische Magazin The Economist schrieb, "vom Underdog zum Topdog" aufgestiegen. Noch vor einigen Jahren galt sie als mittelmäßige Massen-Uni, heute steht sie in vielen Rankings ganz vorn. Zwischen 2003 und 2006 ist sie im weltweiten Hochschulranking der Jiao Tong University in Shanghai um 26 Plätze nach oben geschossen – von Platz 55 auf 29 –, und viele Experten erwarten, dass sie in den kommenden Jahren weiter zulegen wird.

Die Business-School, die Law-School und die Fachbereiche Philosophie und Film zählen schon heute zu den besten der Welt. Die NYU gilt als Teil der "New Ivies", einer neuen Generation von Eliteuniversitäten, die "Ivy League" genannt werden. Bildungsexperten haben für die rasante Entwicklung einen Begriff geprägt: "to become a New York University".