Da stand er nun vor seinen Eltern im Wohnzimmer und nahm all seinen Mut zusammen. Erich Kästner, 20 Jahre alt, war gerade vom Militärdienst in Köln zurückgekehrt; es war im Frühjahr 1919. Noch trug er die graue Uniform, das krause Haar hatte er nach hinten gekämmt. Er sagte: "Ich kann nicht Lehrer werden." Er wollte lernen, nicht lehren.

Er wollte an die Universität. Die teure Ausbildung, 1913 bis 1917 am Lehrerseminar in Dresden – umsonst. Seine Mutter überlegte kurz, lächelte und sagte: "Gut, mein Junge, studiere." Der Vater aber verließ wütend das Zimmer und rief: "Ich werde wohl überhaupt nicht mehr gefragt?" Und knallte die Tür hinter sich zu.

Im Herbst 1919 fuhren Erich Kästner und seine Mutter mit dem Zug von Dresden nach Leipzig. Sie fanden ein Zimmer im Buchdruckerviertel, in der Wohnung eines Setzers. Am Abend brachte er seine Mutter zurück zum Bahnhof. Als er wieder in sein Zimmer kam, lag auf dem Tisch ein Kuvert, darin waren 800 Mark und ein Zettel: "Iss tüchtig und schick die Wäsche!"

Von nun an studierte Kästner Deutsch, Geschichte, Philosophie und Französisch; Regisseur wollte er werden. Er ging oft ins Theater, traf Künstler, Schauspieler und Journalisten. Bald schrieb er Kritiken für das Leipziger Tageblatt und die Neue Leipziger Zeitung. Der Lektor Max Krell, den er in Leipzig kennenlernte, erinnert sich in seinen Memoiren: "Man traf ihn in einem Café, in einer Bar, passioniert in einem Kabarett, stets das Blöckchen für die aussprießenden Verse zur Hand, und ein Buch, das ihn gerade fesselte."

Beinahe jeden Tag schickte Kästner seiner Mutter einen Brief oder eine Karte. Einmal gestand er ihr, dass er an einem Mittwoch mit zwei Kommilitonen durchgemacht habe, bis morgens um halb sieben: "Das war dann also schon Donnerstag mittlerweile geworden! Pfui, was?"